Ärzte ohne Grenzen: USA blockieren Kriegsverbrecher-Untersuchung in Krankenhaus in Kundus

Die USA kämpfen in Afghanistan gegen die Taliban-Terrorgruppen. Doch immer wieder passieren erhebliche Fehler. Die roten Markierungen stellen die durch die USA zerstörten Krankenhaus-Einrichrungen in Kundus dar. Der Vorgang sei "ein Versehen", behaupten die USA. Die "Funkgeräte" hätten nicht funktioniert.
Bild: kunduz.msf.org

Statt, wie üblich, eine unabhängige Expertenkommission der UNO sowie NGOs den brutalen Angriff der US-Militärs am 3. Oktober 2015 auf ein Krankenhaus in der nordafghanischen Stadt Kundus – das „Kunduz Trauma Centre“ (KTC) – untersuchen zu lassen, gibt sich das moderne „Römische Empire“, die USA, selbstgefällig in dem nun bekannt gewordenen Urteil:

Weder sehe man – trotz der offensichtlichen Verletzung des Völkerrechts, möglicherweise auch des Kriegsrechts – die Notwendigkeit einer internationalen Kriegsverbrecher-Untersuchung, noch fühle man sich anderweitig groß schuldig. Der Angriff sei letztlich ein Versehen gewesen, da das Krankenhaus zwar bekannt war, aber die betroffenen US-Soldaten in den Flugzeug-Zerstörern nicht informiert gewesen wären. Die Einstufung des tragischen Vorfalls als „kein Kriegsverbrechen“ hätten die Täter – die US-Militärs -, selber vorgenommen, erklärte der verantwortliche US-Untersuchungs-General Joseph Votel in Washington nun am Freitag.

Basis seines Urteils sei ein ungewöhnlich ausführlicher, angeblich 3000 Seiten umfassender Bericht, welcher von einem Team rund John Campbell, General der US-Armee und verantwortlicher für US- und NATO-Truppen in Afghanistan eingereicht worden war. Am Freitag wurde allerdings lediglich „eine stark bearbeitete“ Fassung in Washington publiziert. Das ist die vornehme Umschreibung dafür, dass Unterlagen warscheinlich so getürkt worden sind, dass es das Angesicht der US-Army nicht nachhaltig beschädigt (was es aber eh schon ist durch solche Vorfälle wie die Bombardierung von zivilen Einrichtungen wie Krankenhäuser).

Das Argument, warum die US-Armee mit Händen und Füßen versucht, die eigene Tat nicht als Kriegsverbrechen selber anzuerkennen: Die US-Luftzerstörer hätten das zivile Krankenhaus nicht absichtlich einem Erdboden gleich gemacht und Dutzende Zivilisten getötet. Vielmehr habe es sich um ein Versehen gehandelt. Deshalb habe man nun gegen 16 Armeeangehörige Disziplinarmaßnahmen eingeleitet. Angeblich habe man zudemein einen Offizier suspendiert. Mit strafrechtlichen Konsequenzen müsse allerdings niemand rechnen.

Schwindeln die US-Militärs, oder sagen sie die Wahrheit? Angeblich hätten seltsamerweise die Funkgeräte beim Angriff nicht funktioniert

Weiter erklärte US-Untersuchungs-General Joseph Votel: Neben menschlichen Fehlern habe es angeblich auch technische gegeben. Die Ermittlungen hätten ergeben, wonach das Krankenhaus auf einer Liste von Gebäuden gestanden habe, welche nicht hätten angegriffen werden dürfen. Angeblich habe die Besatzung  aber keinen Zugriff auf diese Liste gehabt. Grund: Angeblich – und das klingt nun in Zeiten von Satellitentelefonen und Hightech, eher wie eine Lüge, als wie die Wahrheit – habe „das Funksystem nicht funktioniert“. Mit dem Funksystem sei die Verbindung zum Satelliten gemeint (als ob im All nur ein US-Militärsatellit unterwegs wäre). Hinzu komme, wonach der Einsatz angeblich sehr kurzfristig angeordnet worden sei.

Auch das wundert: Die USA versuchen in Zeiten, wo selbst in den pakistanischen Bergen mit US-Drohnen zielgenau Autos zerstört werden können, nun in Kundus die Karte des angeblich nur menschlichen Fehlers, beziehungsweise technischen Fehlers als Schutzschild zu ziehen. Zudem: Wenn eine Kommunikation über Ziele und Nicht-Ziele nicht funktioniert – erlaubt das dann das sadistische und brutale, letztlich auch kriminelle Bombardieren von zivilen Einrichtungen? Schließlich war das Krankenhaus auch als zivile Einrichtung bekannt und erkennbar.

Viele fragen sich: Glauben die USA allen Ernstes, mit ihrer Geschichte der angeblichen Unschuld solle der Fall von 42 durch die USA in einem international geschützten Krankenhaus Getöteten, Verletzten und durch Bombenangriffe geköpften Krankenhaus-Mitarbeiter der Ärtze ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières) nun erledigt sein?

Beim schweren militärischen US-Angriff auf die chirurgische Spezialklinik der Ärzte ohne Grenzen in Kundus war im Oktober 2015 durch mehrere präzise Bombenagriffe, Raketenangriffe und Maschinengewehrangriffe nicht nur das Krankenhaus zerstört worden:

Vielmehr waren dabei 42 Menschen umgekommen, darunter 14 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, 24 Patienten und 4 Begleitpersonen. Dutzende wurden verletzt. Die Einrichtung sei zum Zeitpunkt des Angriffs ein voll funktionierendes Krankenhaus gewesen und aus diesem Grund sei es durch das humanitäre Völkerrecht geschützt gewesen, kritisiert Ärzte ohne Grenzen.

Der Donaukurier berichtet, wonach Überlebende des US-Luftangriffs auf ein Krankenhaus im nordafghanischen Kundus nun ein Gerichtsverfahren gegen die Verantwortlichen gefordert hätten. So hätten sie „das Ergebnis des US-Untersuchungsberichts, wonach es sich nicht um ein Kriegsverbrechen gehandelt habe“ als nicht „inakzeptabel“ bezeichnet. Mit diesen Worten zitiert die Nachrichtenagentur AFP beispielsweise den 27 Jahre alten Hamdullah . Die Verantwortlichen müssten „vor Gericht gestellt werden“, fordere er.

„Medizinisches Personal wurde geköpft, verloren Gliedmassen“

In einem Beitrag von Ärzte ohne Grenzen heißt es: „Patienten verbrannten in ihren Betten, medizinisches Personal wurde geköpft und verloren Gliedmaßen, andere wurden von dem kreisenden AC-130 Gunship während der Flucht vor den brennenden Gebäude erschossen.“ Gemeint sein dürfte das riesengroße, einem kleinen Airbus gleichenden Luft-Schlachtschiff, die Lockheed AC-130. Dabei handelt es sich nach Angaben von Wikipedia um folgendes Flugzeug:

„Die Lockheed AC-130 ist eine zur Luftnahunterstützung durch seitwärts wirkende Rohrwaffen eingesetzte Variante des Transportflugzeugs Lockheed C-130 Hercules. Sie wird von der United States Air Force verwendet und dort wegen ihrer starken Rohrbewaffnung auch als „Gunship“ (Kanonenboot) bezeichnet.“

Das Flugzeug wurde durch die US-Militärs erstmals 1967 eingesetzt. Heute sollen weltweit 59 davon im Dienst der Militärs sein.

In dem Krankenhaus, welches unter anderem durch dieses Luft-Schlachtschiff der US-Militärs vorsätzlich vor einem halben Jahr angegriffen worden war, kommen auf 140 Betten insgesamt 460 Mitarbeiter – Ärzte, Pfleger und sonstiges Personal. Das heißt: Es handelt sich zwar um kein großes Krankenhaus, aber ein durchaus wichtiges im kriegsgeschüttelten Afghanistan. Seit der Eröffnung des Trauma-Krankenhauses KTC im Jahr 2011 waren nach Angaben der Ärzte ohne Grenzen, welche das Krankenhaus ins Leben gerufen hatten und unterhielten, über 15.000 Operationen dort durchgeführt worden. Zudem seien 68.000 Notfall-Patienten behandelt worden.

Ärzte ohne Grenzen: „Der Angriff hatte verheerende Folgen für die Opfer“

Ärzte ohne Grenzen schreibt: „Der Angriff hatte verheerende Folgen für die Opfer, ihre Familien, die Teams von Ärzte ohne Grenzen und die Bewohner von Kundus. Sechs Monate danach ist das Krankenhaus weiterhin und auf unbestimmte Zeit nicht funktionsfähig. Tausende Menschen wurden ohne lebenswichtige medizinische Versorgung zurückgelassen.“ Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen wirft den USA vor, das Gebäude des so wichtigen chirurgischen Krankenhauses absichtlich bombardiert zu haben.

Entsprechend einer ersten Reaktion zeigt sich die Präsidentin der Ärzte ohne Grenzen, Meinie Nicolai, nun irritiert über die Selbstentlastung durch die USA.

Das ist verständlich: Denn jeder, der im Straßenverkehr auch nur eine Person anfährt, geschweige denn tötet, würde umgehend mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen müssen. Nicht aber scheinbar im Falle des vorsätzlichen Angriffs durch US-Militärs auf ein bekanntes internationales Krankenhaus in Afghanistan.

In einer Mitteilung schreiben die Ärzte ohne Grenzen:

„Am 25. November 2015 präsentierte das US-Militär eine (Redaktionelle Anmerkung: erste) Untersuchung der Ereignisse. Laut Christopher Stokes, dem Geschäftsführer der für die Klinik verantwortlichen belgischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, stellen die Ergebnisse einen ‚erschreckenden Katalog von Fehlern und fahrlässigem Handeln auf Seiten der US-Streitkräfte‘ dar. Der Bericht liegt Ärzte ohne Grenzen nicht vor.

Bereits am 5. November 2015 hatte Ärzte ohne Grenzen einen eigenen Bericht zu den Luftangriffen auf die Klinik veröffentlicht. Die chronologische Dokumentation der Ereignisse vor, während und kurz nach dem Bombardement gibt keine Erklärung dafür, warum die Einrichtung angegriffen worden sein könnte. Auch der (Anmerkung: bislang vorliegende) US-Bericht beantwortet diese Fragen nicht zufriedenstellend.

Daher fordert Ärzte ohne Grenzen die Staatengemeinschaft weiterhin dazu auf, die durch die Genfer Konventionen geschaffene ‚Internationale Humanitäre Ermittlungskommission‘ (IHFFC) damit zu beauftragen, den Angriff zu untersuchen.

Die IHFFC ist inzwischen aktiviert worden. Die Kommission wartet aber immer noch auf die Zustimmung der Vereinigten Staaten und Afghanistans, um fortfahren zu können. Mit den Hashtags #Kundus und #IndependentInvestigation fordern wir die Öffentlichkeit auf, uns bei der Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung zu unterstützen. Wir bedanken uns bei allen, die sich mit uns solidarisch zeigen.“

Beim Blick auf die Webseite der IHFFC International Humanitarian Fact-Finding Commission am 30. April 2016 konnten wir keine aktuelle Stellungnahmen bezüglich der Vorgänge rund um das Krankenhaus in Kundus im Nachrichtenbereich finden. Nur diesen Eintrag fand das Antikriegsprotal kriegsberichterstattung.com (aus dem englischen durch uns übersetzt):

„The International Humanitarian Fact-Finding Commission (IHFFC), eine unabhängige Körperschaft, etabliert über Artikel 90 des Ersten Zusammenfassendes Protokolls der Genver Menschenrechtskonventionen, hat seine Dienste den Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika und Afghanistan durch versendete Briefe, datiert auf den 7 October 2015, angeboten.

The IHFFC hat dabei seine eigenen Untersuchungen auf eigene Initiative angeboten. Es liegt nun an den kontaktierten Regierungen zu entscheiden, ob sie wünschen, auf die Briefe des IHFFC zu antworten. Der IHFFC kann nur dann tätig werden unter Zustimmung des betroffenen oder der betroffenen Staaten. Der IHFFC kann zum jetzigen Zeitpunkt keine weitere Stellungnahme abgeben. Das Untersuchungs-Angebot des IHFFC betrifft die Vorgänge in Kunduz, Afghanistan, am 3 October 2015.“

Die Ärzte Ohne Grenze schilderten Anfang April 2016 den Angriff durch die USA auf das zivile Krankenhaus wie folgt:

„Seit 2011 versorgte das Krankenhaus Kriegsverwundete und Patienten mit Verletzungen beispielsweise durch Verkehrsunfälle mit hochwertigen und kostenlosen chirurgischen Behandlungen. Es war die einzige Einrichtung dieser Art im gesamten Nordosten Afghanistans. Neben Einwohnern der Provinz Kundus wurden dort auch Menschen aus umliegenden Provinzen behandelt.

Ärzte ohne Grenzen hat noch keine Entscheidung über eine mögliche Wiedereröffnung des Traumazentrums in Kundus getroffen. Zuerst müssen alle Konfliktparteien garantieren, dass unser Personal, unsere Patienten und unsere medizinischen Einrichtungen vor einem weiteren Angriff sicher sind. Unsere Ärzte, unser Pflegepersonal und alle weiteren Mitarbeiter in Kundus und an unseren anderen Einsatzorten in Afghanistan müssen sich darauf verlassen können, dass man ihre Arbeit und ihren geschützten Status in vollem Umfang respektiert.

Wir verlangen verbindliche Zusagen dafür, gemäß unseren Prinzipien und dem humanitären Völkerrecht arbeiten zu können: Das bedeutet, dass wir alle Menschen, die unsere Hilfe benötigen, egal wer sie sind oder auf welcher Seite sie stehen, in einer sicheren Umgebung behandeln können. Wir sind nur imstande, Krankenhäuser in afghanischen Kriegsgebieten und in Konfliktzonen auf der ganzen Welt zu betreiben, wenn diese fundamentalen Prinzipien anerkannt werden.“

Augenzeugenbericht der philippinische Chirurgin Dr. Evangeline Cua aus dem durch US-Militärs zerstörten Krankenhaus in Kundus

In einem eindrücklichen Augenzeugenbericht schildert die philippinische Chirurgin Dr. Evangeline Cua, was sie in dieser schrecklichen Nacht erlebt hat..

„Die philippinische Chirurgin Dr. Evangeline Cua arbeitete im Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen im afghanischen Kundus, als dieses am 3. Oktober 2015 durch US-amerikanische Luftangriffe zerstört wurde. 42 Menschen kamen dabei ums Leben…. Damals wusste sie noch nicht, wer für den Angriff auf das Krankenhaus verantwortlich war. Ihre Schilderung beginnt mit einem Albtraum.

Letzte Nacht ist es wieder passiert. Wir liefen kopflos umher wie zwei aufgescheuchte Hühner in der Dunkelheit – mein Kollege, der mir bei einer Operation assistiert hatte, und ich. Das Pflegepersonal, das einen Moment zuvor noch bei uns gewesen war, war aus dem Gebäude gestürzt, in eine Salve von Schüssen aus der Luft hinein. Ich hustete, vom herumfliegendem Staub halb erstickt. In meinem Mund, hinter der chirurgischen Maske, fühlte es sich an, als hätte man mich gezwungen, Sand zu essen. Ich hörte meinen Atem rasseln. Rauschschwaden kamen aus einem nahe gelegenen Raum, und wir konnten kaum noch sehen, wo wir waren.

Am anderen Ende des Gebäudes züngelten Flammen auf dem Dach. Sie tanzten, leuchteten im Dunkeln und griffen nach den Ästen der Bäume. Die Intensivstation brannte. Lediglich das unaufhörliche Brummen, das zu hören war, wies darauf hin, dass draußen noch irgendetwas war. Ein Flugzeug? Ein Luftangriff? Warum das Krankenhaus? Warum wir? Dann, ohne Vorwarnung, erschütterte eine weitere gewaltige, ohrenbetäubende Explosion das Gebäude. Die Decke krachte auf uns herab und die letzten verbliebenen Lichter erloschen, sodass wir nun von totaler Finsternis umgeben waren. Ich schrie vor Angst, als ich von Baudrähten aus der herabstürzenden Decke am Boden festgenagelt wurde. Das ist das Letzte, woran ich mich erinnere.

***

Schluchzend und verwirrt erwachte ich. Meine Heimkehr aus Afghanistan lag Monate zurück. Das schreckliche Ereignis im Krankenhaus von Kundus hatte ich fast vergessen, tief in meinem Gedächtnis vergraben. Nur noch die verblassende Narbe auf meinem rechten Knie erinnerte mich daran. Nachbesprechungen, psychologische Sitzungen, Meditationstechniken, Seiten über Seiten von Tagebucheinträgen, um mich vom Horror dieser Nacht zu befreien … all das wurde mit einem Mal zunichte gemacht, als der Albtraum, hervorgerufen durch ein Feuerwerk, die Erinnerungen zurückbrachte.

Zwei Wochen vor dem Ende meines bis dahin fast enttäuschend ereignisarmen Einsatz in Afghanistan brach plötzlich die Hölle los. Regierungstruppen und die Opposition lieferten sich erbitterte Kämpfe. Die Stadt Kundus war nach 14 Jahren wieder den Taliban in die Hände gefallen.

Im Krankenhaus verlor ich das Zeitgefühl. Nur die Uhr an der Wand erinnerte mich daran, dass es schon spät am Nachmittag war. In weiter Ferne Sperrfeuer, Gewehrsalven und Explosionen. Ich hatte gerade meinen sechsten chirurgischen Eingriff beendet und trocknete mit einem Stück Stoff ganz in Ruhe meine Hände ab.

‚Doktor, können Sie sich die Patienten in der Notaufnahme ansehen und uns sagen, wer als erstes in den Operationssaal soll?‘ Eine große Dringlichkeit lag in dieser Stimme.

‚Jetzt?‘

‚Jetzt, ja!’

Mindestens ein Dutzend Menschen lag am Boden. Auf den Tragen in der Empfangshalle der Notaufnahme lagen noch mehr. Da waren Frauen mit blutbefleckten Gewändern. Eine von ihnen war schwanger, eine andere starrte ausdruckslos zur Decke. Ich sah Männer mit zerfetzter, blutiger Kleidung und ein kleines Kind, das vor Schmerzen stöhnte. Dort, wo seine Beine sein sollten, war eine Blutlache.

Ich schreckte auf, als ich von einem runzeligen alten Mann mit Vollbart und freundlichen Augen angehalten wurde. Er berührte meinen Arm, was für einen afghanischen Mann ungewöhnlich ist. In holprigem Englisch bat er mich mit flehender Stimme: ‚Doktor, bitte. Mein Sohn ist da draußen. Können Sie ihn bitte untersuchen? Er ist ein guter Mensch, Doktor. Mein jüngster Sohn.‘ Er richtete diese Worte voller Würde an mich. Auf seinem Gesicht lag ein Anflug von einem Lächeln.

Es gelang mir, meinen Schrecken zu verbergen, als ich den Mann auf der Bahre an der Wand sah. Auf seiner Brust klaffte eine Wunde. Ich konnte freiliegende Teile der Lunge sehen. Der junge Mann hatte bereits einen glasigen Blick und sein Puls war nicht mehr fühlbar. Um irgendetwas für ihn zu tun, justierte ich den intravenösen Zugang an seinem Arm und bedeckte seine Brust vorsichtig mit der Krankenhauswäsche. Dem alten Mann sagte ich mit brüchig werdender Stimme, er müsse mich entschuldigen und dass ich jemanden vom Pflegepersonal bitten würde, sich um seinen Sohn zu kümmern.

Sein Blick wird mich mein Leben lang nicht loslassen. Ich sah eine Dankbarkeit in seinen Augen, als hätte ich seinem Sohn neue Lebenskraft gegeben.

***

In meinen Albträumen kamen immer wieder dröhnende Geräusche und die auf uns herabstürzenden Bretter vor. Und Schreie. Meine. Dann, dass ich stolpere und am Boden liege.

***

‚Steh auf! Komm schon.‘

Ich stand langsam und unter Schmerzen auf und versuchte, meinen Kollegen im Dunkeln zu sehen.

Der Keller! Gott sei Dank. Wir rannten los und sprangen in das Loch. Im nächsten Moment bemerkten wir entsetzt, dass wir im Luftschacht des Kellerfensters gelandet waren. Er war von dicken Betonwänden umgeben, lag etwa 2,20 Meter unter der Erde und war oben nur mit einer dünnen Dachplane abgedeckt. Ein Abgrund. Eine Sackgasse. Der richtige Keller lag jenseits dieser Mauer!

Wir bemerkten die Stichflammen, die aus den Fenstern genau über unserem Versteck kamen. Mein Kollege zögerte nicht lange. Es gelang ihm, die Mauer hochzuklettern, aus der Grube zu steigen und ins Freie zu laufen. Ich blieb allein im Dunkeln zurück.

Ich war in heller Panik. Ich war wütend. Ich wollte mich auf jemanden stürzen, egal auf wen. Ich wollte jemandem ins Gesicht schlagen. Ich hasste die beiden Gegner in diesem irrsinnigen Krieg. Ich wollte, dass sie all die Zerstörung sehen, die sie über Unschuldige gebracht hatten, und sie sollten sich vorstellen, ihre Familien seien betroffen. Dann würden wir ja sehen, ob sie diesen sinnlosen Krieg noch fortsetzen wollen.

Ich hatte auch Angst. Ich wollte nicht bei lebendigem Leib verbrennen. Tränen strömten über mein Gesicht und meine ganze Verzweiflung brach aus mir heraus.

Dann überkam mich plötzlich ein Gefühl von Ruhe und Klarheit. Ich war jetzt wieder eine Chirurgin. Ich sah ein Stück Stahl, das aus einer Wand des Luftschachtes herausragte. Es war heiß, aber ich zog mich daran hoch und entkam in wenigen Minuten aus dem Loch. Als ich unweit vom Rosengarten meinen Kollegen erblickte, seufzte ich erleichtert. Er lag ausgestreckt am Boden und wartete. Er lächelte, als er mich sah. Sobald der Kugelhagel abgeebbt war, krochen wir zu einem Gebäude, das sich einige Meter von uns entfernt befand. Nachdem wir die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, löste sich plötzlich eine Figur aus der Dunkelheit. Angst packte mich. Ich habe dieses Feuer nicht überlebt, um dann entführt zu werden. Bitte nicht!

Dann sprach der Mann, der ein traditionelles afghanisches Gewand trug, die Worte aus, an die ich mich immer erinnern werde: ‚Folgt mir‘. Hier gibt es einen sicheren Ort.“

2 comments

    1. @Ano Nym: Vielen Dank für den Hinweis. Wir sind dahingehend noch einmal über den Text gegangen und haben etwaige grammatikalische oder orthografische Fehler versucht auszumerzen. Sollte trotz unserer Bemühungen noch etwas verborgen geblieben sein, bitten wir gerne um einen Korrektur-Hinweis. Wir bitten unsere Nachlässigkeit zu entschuldigen.

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