Benedikt Toth und Werner Mazurek im ZDF: Justizskandale in München und Augsburg?

ZDF-Dokumentation: "Ich war es nicht!"

In einer bewegenden Dokumentation schilderte das ZDF am Dienstag den 10. Mai 2016 von 22:15 Uhr bis 23 Uhr, wie zwei offensichtlich wohl Unschuldige an Deutschlands Gerichten wegen angeblicher Morde schuldig gesprochen wurden.

Im Fall Benedikt Toth habe das Urteil Manfred Götzl, Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht München, gefällt. Götzl leitet zudem seit rund drei Jahren das NSU-Verfahren. Im anderen Fall – Werner Mazurek – war das umstrittene Urteil von dem mittlerweile pensionierten Richter Wolfgang Rothermel am Schwurgerichtssaal Landgericht Augsburg im Jahr 2009 gesprochen worden.

Das ZDF schreibt in seiner Ankündigung zur Dokumentation:

„J 73.03.3 – diese rätselhafte DNA-Spur verbindet mit einem Abstand von 25 Jahren zwei grausame Verbrechen. Für jede Tat wurde ein Täter verurteilt. Beide beteuern immer wieder ihre Unschuld. Werner Mazurek (66) soll ein Mädchen entführt haben. Es starb dabei. Das Urteil: lebenslange Haft. Benedikt Toth (41) soll aus Geldgier seine Tante auf brutalste Weise erschlagen haben. Das Urteil: lebenslange Haft. Seit zehn Jahren sitzt er in der JVA Straubing. Eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren ist bei Benedikt Toth wegen festgestellter Schwere der Schuld unmöglich.“

Das ZDF schildert in seiner Dokumentation zudem: „1981, bei der Entführung der zehnjährigen Ursula Herrmann, die dabei qualvoll in einer Kiste erstickte, fand sich die mysteriöse DNA-Spur ‚J 73.03.3‘ an einer Schraube dieser Kiste. 2006 wird in München die Parkhausbesitzerin Charlotte Böhringer ermordet. An einem Glas in ihrer Spülmaschine findet sich die gleiche DNA, auch am Knauf einer Kommode.“

Allerdings würden auf keinen der beiden von deutschen Gerichten lebenslang verurteilten Männer, sagt das ZDF in seiner Dokumentation, die ungeklärte DNA passen: „Es wird auch geprüft, ob diese Spuren vielleicht erst am Tatort durch einen der Ermittler entstanden sind. Das Ergebnis ist negativ. Was also hat es mit dieser DNA auf sich? Recht oder Unrecht? Beide Verdächtigen werden in einem Indizienprozess als Täter verurteilt, obwohl sie von Anfang an das Gleiche sagen: ‚Ich war es nicht!‘“

Doch habe dies weder Benedikt Toth noch Werner Mazurek geholfen, so das ZDF:

„Fehlurteil oder Justizirrtum? Den Lügendetektor-Test, dem sich beide nach der Verurteilung stellten, haben sie mit Bravour bestanden – eine Methode, die jedoch in deutschen Strafverfahren noch immer nicht anerkannt ist…. Wie kann man solch eine lange Haftzeit überstehen, wenn die behauptete Nicht-Schuld tatsächlich stimmen sollte? Es sind nicht nur Familie oder Freunde, die mit guten Gründen für die beiden Verurteilten eintreten. Auch ein Ermittler, ein Rechtsexperte, beide Verteidiger und selbst der Bruder des toten Mädchens zweifeln, ob die richtigen Täter hinter Gittern sind.“

Regisseur der bewegenden Reportage ist Gunther Scholz. Er hatte bereits zuvor vier Jahre über das Schicksal des unschuldig verurteilten Harry Wörz berichtet, ehe das Fehlurteil schließlich vom BGH kassiert wurde.

Seit über 10 Jahren kämpfe, so das ZDF, der Verteidiger von Toth – Peter Witting – für eine Revision und Freilassung seines Mandanten, welchen er nach wie vor für unschuldig halte, da die Indizien zusammengereimt scheinen und wenig überzeugend.

Warum trotz der erdrückenden Beleglücken auch das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe im April 2016 sich bislang weigerte, sich den Fall noch einmal näher anzuschauen, das verwundert viele.

Interessant ist, dass in dem Verfahren gegen Werner Mazurek und Benedikt Toth jeweils bayerische Staatsanwaltschaften – in München und Augsburg – und auch entsprechend bayerische Gerichte verantwortlich sind.

Im Fall Mazurek lag die Ermittlungsarbeit sogar bei einem prominenten Staatsanwalt – bei Reinhard Nemetz, dem Leitenden Oberstaatsanwalt in Augsburg. Er ermittelte vor Jahren unter anderem wegen der CDU-Parteispendenaffäre und dem Waffenhändler Karl-Heinz Schreiber.

Der ehemalige Vorsitzende Richter am Schwurgerichtssaal des Landgericht Augsburg, Wolfgang Rothermel, erklärte in einem Interview gegenüber dem ZDF, er habe es sich mit seinem Urteil nicht leicht gemacht, zumal man sich durch 90.000 Seiten Akten habe wälzen müssen, was im „normalen Tätigkeitsfeld“ kaum zu bewältigen sei. Mögliche Fehler räumt er nicht ein.

Die Konsequenzen sind für den Betroffenen umso härter: Denn Werner Mazurek sitzt seit acht Jahren in der JVA Lübeck ein, als angeblicher Mörder.

Besonders pervers sei, erklärt Mazurek sinngemäß gegenüber dem ZDF: Wenn jemand eine vorgeworfene Tat nicht „gestehe“, werde man, so Werner Mazurek, als „Tatleugner“ geführt. Also als jemand, der uneinsichtig sei und deshalb besonders hart behandelt werden müsse, so lange, bis man einsichtig werde.

Da er aber unschuldig sei, könne er nichts gestehen und werde das auch nicht tun, so Mazurek. Dies habe aber nichts mit „Uneinsichtigkeit“ zu tun, sondern mit eigentlicher Unschuld.

Ebenfalls Zweifel an der Schuld der beiden in Bayern lebenslang verurteilten möglichen Justizopfer äußerte im ZDF-Dokumentationsfilm der Spiegel-Redakteur und Jurist Thomas Darnstädt.

Er sagte im ZDF, er könne nicht verstehen, wie man bei solch lückenhaften angeblichen Belegen sogar an zwei Gerichten ein Lebenslang einfach durchwinken könne. Besonders dass der BGH ein offensichtliches Fehlurteil nicht revidierte, lasse ihn erheblich an solcher Justiz in Deutschland zweifeln.

Besonders seltsam: Der CSU-Justizminister von Bayern, Prof. Dr. Winfried Bausback, soll es abgelehnt haben, dass der möglicherweise unschuldig an einem bayerischen Gericht verurteilte Benedikt Toth gegenüber dem ZDF direkt vor der Kamera ein Interview mit Frage und Antwort geben durfte.

Als Grund habe man, sagt das ZDF, gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender angegeben, es gebe „zu viel Verwaltungsaufwand“. Sogar die Briefe von Toth an das ZDF habe die JVA Straubing zunächst beschlagnahmt und noch nicht einmal ein Telefoninterview erlaubt.

ZDF-Dokumentation „Ich war es nicht! Zwei Urteile und viele Zweifel“ hier klicken.

2 comments

  1. Auch wenn man einen Lügendetektor-Test mit Summa cum Lude (um mich dem hier gewählten Vokabular anzupassen) bestanden heißt das gar nichts. Es genau so viele (nachgewiesenermaßen) Unschuldige, die ihn nicht bestehen. Daher hat er auch keine Aussagekraft vor Gericht. Ich wüsste nicht, ob ich mich mit dem Bewusstsein, unschuldig zu sein, im Zweifelsfall einem solchen Test stellen würde.
    Ich empfinde es als gerecht, das Herrn Mazurek das grausame Töten eines Tieres im Prozess zum Schaden gereicht haben könnte (siehe Doku)

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