Trauer um Fidel Castro: Interview mit ihm aus 2010

Der Comandante ist im stolzen Alter von 90 Jahren auf Cuba gestoren. (Bild: pixabay.com | CC0 Public Domain)

Das spanischsprachige mexikanische Portal jornada.unam.mx veröffentlicht aus weltweiter Trauer auf Grund des Todes des kubanischen kommunistischen Führers Fidel Castro nun noch einmal auszugsweise ein legendäres Interview mit ihm, welches er 2010 gab.

Darin äußert sich der Comandante Fidel Castro unter anderem zu Homosexuellen auf Kuba, aber auch zur totalen kommerziellen und humanitären Blockade der USA gegen Kuba im Jahr 1962 oder zur Einführung des lebensgefährlichen Dengue-Fieber-Virus nach Kuba, welches er den USA zuschreibt.

Die totale Blockade der USA gegen die kubanische Insel bezeichnen Kubaner noch heute als Genozid-Versuch. So durften in den 1960er Jahren nicht einmal Medikamente mehr nach Kuba gebracht werden. Amerikanische CIA-Schiffe schnitten damals Kuba komplett von der Welt ab.

Fidel Castro gründete in den 1950er Jahren mit Kuba das erste kommunistische Land direkt vor der US-Grenze. Deshalb hatte in den 1960er Jahren der damals regierende US-Präsident John F. Kennedy um ein Haar die Welt in einem Akt wahnwitziger amerikanischer Außenpolitik an den Rand eines Atomkrieges gebracht.

Grund: Russland hatte in Kuba auf Bitte Fidel Castros das tun wollen, was der Westen seit 70 Jahren direkt vor Russlands Haustüre macht: Atombomben zur Landesverteidigung installieren.

Auf Grund des historischen Zeitdokuments eines der letzten großen Interviews mit Fidel Castro im Jahr 2010 veröffentlichen wir hiermit Auszüge in Deutsch, basierend auf der spanischen Originalversion, welche das Portal jornada.unam.mx aktuell publiziert.Das Interview ist in der spanischen Version etwas launisch geschrieben, mit umfangreichen Einlassungen zur Politik auf Kuba durch die Fragensteller an Castro.

Bis heute wird Fidel Castro in Cuba verehrt. Millionen Kubaner lehnen nach wie vor die USA als Einflussgröße auf der karibischen Insel ab. Das liegt auch an dem Versuch der Amerikaner, bereits 1898 Kuba als selbständige aber von Spanien besetzt gehaltene Kolonie militärisch zu beherrschen und zum Sklavenhaus der USA zu machen.

So hatten die USA 1898 Kuba in einem militärischen Überfall von den Spaniern übernommen und sich riesige Ländereien unter den Nagel gerissen. Auf ihnen wurden Millionen Kubaner durch US-Konzerne in einem sklavenähnlichen Abhängigkeits-Verhältnis über viele Jahre ausgebeutet. Eine Tradition, welche zuvor über Jahrhunderte die Spanier während der Sklavenzeit praktiziert hatten.

In den 1920er und 1930er Jahren wurde Kubas legendäre Hauptstadt Havanna unter dem Einfluss der USA zudem zu einem Drogenumschlagplatz und Bordell für reiche Amerikaner sowie US-Mafiosi (wie Al Capone). All das war letztlich die Ursache für die Revolution von Fidel Castro gegen die USA.

Hier nun Versatzstücke des Interviews mit Fidel Castro aus dem Jahr 2010. Dabei können wir leider keine Garantie dafür abgeben, ob es uns gelungen ist, aus dem Spanischen perfekt die Worte des Revolutionsführers, als auch die Anmerkungen der Interviewer, ins Deutsche zu übersetzen.

Sollten uns Fehler unterlaufen sein, bitten wir mit Quellenangabe gerne um Korrekturanmerkungen.

Frage: Comandante, Sie sind der Charme der kubanischen Revolution. Es gilt Ihnen die Anerkennung und Solidarität eines guten Teils der universalen Intellektualität. Sie sehen die großen Errungenschaften der Menschen gegen die Blockade… auch gegen die Verfolgung von Homosexuellen auf Kuba.

Fidel: „Das ist nicht das Problem. Ich bestreite das aber weder, noch lehne ich es ab. Zur Zeit erinnere ich an die Frage: Was waren die Vorurteile in den revolutionären Reihen?“

Frage: Uns ist es in fünf Jahrzehnten gelungen, Homophobie vor Homosexuellen in Kuba an den Rand zu drängen. Viele wurden aber in Lager mit militärisch-landwirtschaftlicher Arbeit geschickt, da sie beschuldigt worden sind, Konterrevolutionäre zu sein.

Fidel: „Ja, Sie erinnert sich. Dies waren Momente von großer Ungerechtigkeit… Ich versuche, meine Verantwortung für all dies zu definieren, weil, natürlich, ich persönlich nicht diese Art von Vorurteilen habe.“

Frage: Es ist bekannt, dass zu Ihren besten und ältesten Freunden die Homosexuellen auf Kuba gehören. Aber dann – wie kam dieser ständige Hass? … Alles, was als eine spontane Reaktion in den revolutionären Reihen produziert wurde, basierte auch auf Grund von Traditionen. Im vorigen Kuba waren nicht nur Homosexuelle diskriminiert worden… es ging auch gegen Schwarze. Auch Frauen wurden diskriminiert.

Fidel Castro: „Ja, ja. Aber nicht im Kuba der neuen Moral, wo wir stolze RevolutionäreInnen waren…“

Frage: Wer war also verantwortlich, direkt oder indirekt.. für das, was in der kubanischen Gesellschaft geschah? Die Partei? Denn dies ist die Zeit, als die Kommunistische Partei Kubas kein ausdrückliches Diskriminierungs-Verbot in ihrer Satzung aufgrund der sexuellen Orientierung aufnahm.

Fidel Castro. „Nein. Wenn jemand verantwortlich ist, bin ich es. Es ist wahr, dass ich zu dieser Zeit nicht um diese Angelegenheit herumkam … vor allem auf Grund der Oktober-Krise, Krieg, politischen schwierigen Themen …“

Frage: Aber dies wurde ein ernsthaftes und schwerwiegendes politische Problem, Commander.

Fidel Castro: „Ich verstehe. Ich verstehe … Wir wussten das nicht richtig einzuschätzen… Systematische Sabotage. Bewaffnete Angriffe wurden die ganze Zeit lanciert. Wir hatten so viele schreckliche Probleme. Probleme des Lebens und des Todes, wissen Sie. Deshalb hatte ich nicht genug Aufmerksamkeit.“

Frage: Nach all dem wurde es sehr schwierig die Revolution im Ausland zu verteidigen … Das Bild hatte sich für immer in einigen Bereichen verschlechtert, vor allem in Europa.

Fidel Castro: „Ich verstehe. Ich verstehe. Die Verfolgung von Homosexuellen… besteht überall. Nicht aber mehr im revolutionären Kuba… Schauen Sie…, wie die Tage unseres Lebens in den ersten Monaten der Revolution waren: der Krieg mit den Yankees, die Ausgabe von Waffen und fast gleichzeitig… Mordpläne gegen meine Person… Ich konnte nicht überall sein…“

Frage: Der Verrat war also auf der Tagesordnung?

Fidel Castro: „Flucht zur CIA, die so viele Verräter gekauft haben… das war keine einfache Angelegenheit. Aber trotzdem. Wenn Sie sagen, Verantwortung übernehmen zu müssen, nehme ich das an. Ich will nicht anderen die Schuld zuschieben.“

Frage: Nur aber bedauert, nicht aber korrigiert. Unter dem Motto, dass Homosexualität keine Gefahr ist, wurde gegen Homophobie der dritte kubanische Tag zum Welttag gegen Homophobie in vielen Städten abgehalten. Gerardo Arreola, Korrespondent von La Jornada in Kuba, weist auf die Rechte sexueller Minderheiten auf der Insel hin…

Wir sehen, dass Mariela Castro, Soziologin im Alter von 47 Jahren, die Tochter des kubanischen Präsidenten Raul Castro, welche das Nationale Zentrum für Sexualerziehung (Cenesex) führt, eine Institution, sagt, dass sie das Bild von Kuba nach der Marginalisierung in den 1960er Jahren verbessern möchte… begleitet von Transsexuellen, welche eine kubanische Flagge tragen und andere bunte Insignien der homosexuellen Bewegung.

Heute gibt es auf Kuba viele Bemühungen für Homosexuelle, dazu gehören auch Initiativen wie zum Beispiel die Änderung der Identität von Transgender oder Zivilrechts-Anschlüsse für Partnerschaften gleichen Geschlechts.

Seit den 1990er Jahren ist Homosexualität auf der Insel entkriminalisiert, obwohl es immer noch in vielen Fällen die Polizei ist, die Homosexuelle belagert. Und seit 2008 ist es rechtens, dass freie Geschlechtsumwandlungen durch Operationen durchgeführt werden.

Im Jahr 1962 verfügten die Vereinigten Staaten von Amerika, die Blockade gegen Kuba. Es war ein heftiger versuchter Völkermord, hatte damals Gabriel García Márquez gesagt, der Schriftsteller, welchem man nachsagt, über die Zeit die beste Chronik zu Kubas Revolution und der dahinter stehenden Motive geschrieben zu haben.

Fidel Castro: „Eine Periode, die bis heute anhält. Die Blockade ist bis heute in Kraft und zwar mehr denn je und mit der Verschlimmerung, gerade jetzt, das es das Verfassungsrecht in den Vereinigten Staaten ist durch die Tatsache der Stimmen des Präsidenten, der Stimmen des Senats, die Abstimmungen im Repräsentantenhaus …“

Castro nennt das Helms-Burton-Gesetz und Torricelli-Gesetz, welche die Einmischung in kubanische innere Angelegenheiten regelten und die Basis zum Versuch legten, Kuba durch die USA zu annektieren. All das habe der US-Senat genehmigt.

Die Interviewer erinnern an eine Aussage des US-Senators Helms, welcher 1996 vor jubelnden amerikanischen Reportern gesagt hatte: „Castro hat aus Kuba zu gehen. Ich interessiere mich nicht, wie Castro das Land verlässt. Wenn vertikal oder horizontal… Aber Castro sollte Kuba verlassen.“

Zudem verweist Fidel auf das Jahr 1962: „Im Jahr 1962, als die Vereinigten Staaten die Blockade erklärten, fand Kuba sich plötzlich in der Situation, dass über sechs Millionen Kubaner sich auf einer ungeschützten Insel befanden…“

Anmerkung Fragesteller: Niemand, kein Land, durfte und konnte mit Kuba nun Handel treiben… Wehe dem Land oder Unternehmen, welches dies tat… kaufen oder verkaufen! Das ist nicht Gegenstand der kommerziellen Belagerung durch die Vereinigten Staaten…. CIA-Schiffe in unseren Hoheitsgewässern patrouillierten bis vor ein paar Jahren und fingen Schiffe ab, welche Waren auf die Insel transportieren wollten.

Das größte Problem waren jedoch immer die Medikamente und Lebensmittel… bis zum heutigen Tag. Auch heute sind alle Lebensmittel in den Geschäfte rationiert… weil Kuba es immer im Voraus bezahlen muss. Es ist eine Mangelwirtschaft. Die Kultur der Einsamkeit. Fidel Castro zeigt aber dennoch keine Geste des Bedauerns, wenig Bitterkeit. Im Gegenteil…

Fidel Castro: „Der Kampf für den wir uns entschieden hatten ihn zu führen: Die Blockaden verstärkten nur noch mehr unsere großen Anstrengungen… Denken Sie mit einer Art von Stolz daran. Zum Beispiel als wir die gigantische Massen-Operation organisierten, wo fünf Millionen Jungen, in der CDR gruppiert, in nur einem Acht-Stunden-Tag eine massive Impfung im ganzen Land durchführten, um Krankheiten wie Polio und Malaria auszurotten.“

Zudem verweist Castro darauf, wonach es schon kurz nach der Revolution gelungen sei, mehr als eine Viertel Millionen Menschen der Alphabetisierung zu unterziehen. Bis vor der Revolution hätten selbst große Teile der erwachsenen Bevölkerung nicht lesen oder schreiben können.

Weitere Anmerkungen der Fragesteller: Fidel Castro habe mit einem Team von Wissenschaftlern und Ärzten große Anstrengungen in der Medizin und Biotechnologie unternommen, um eigene Medikamenten zu produzieren.

Fidel Castro: „Der Feind benutzte bakteriologische Kriegsführung gegen uns. Er brachte hier das Dengue-Virus II. Im vorrevolutionären Kuba war dieses nicht bekannt, auch das Virus I. nicht. Es ist viel gefährlicher, da es ein hämorrhagisches Fieber erzeugt, welches vor allem Kinder angreift. Wir hatten, was die Krankheit anbelangt, keine Hilfe. Niemand wollte uns Medikamente und Geräte verkaufen, mit denen das Virus ausgerottet werden kann. Einhundertfünfzig Menschen sind in kurzer Zeit an der Krankheit gestorben. Fast alle waren Kinder…“

Erst Hilfe über Mexiko habe die Mücken-Virus-Epidemie in Kuba etwas lindern können. Genannt werden Luis und Maria Esther, ehemalige Mitglieder der mexikanischen Regierung. Heute ist das Dengue-Fieber in Regionen verbreitet, in welchen die USA ebenfalls militärisch operierten: In Vietnam zum Beispiel, in Thailand oder in Kambodscha. Jedes Jahr sterben Hunderte Menschen daran. Betroffen sind auch die Dominikanische Republik oder Haiti.

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