Farce NS Prozess in Lüneburg: Oskar Gröning / Kleine hängt man, Große blieben ungeschoren

Kommentar – Die Tageszeitung „Südwest Presse“ aus Ulm titelt zum NS-Prozess in Lüneburg „Besser spät als nie“. Wir fragen uns: Ist das wirklich so?

Jetzt ist man im Heidestädtchen Lüneburg, einer einstigen Hochburg der Nationalsozialisten im Dritten Reich, stolz, dass man den ehemaligen kleinen SS-Mann Oskar Gröning nun vor Gericht stellt, einen 93-Jährigen Greis. Interessante an dem Farce-Prozess von Lüneburg, der uns das schlechte Gewissen über die Verbrechen im Dritten Reich wohl nehmen soll, ist auch: Warum hatten eigentlich alle großen deutschen Massenmedien große Sorgen, den Namen des wahrscheinlichen Germanwings Massenmörders Andreas Lubitz voll zu nennen?

Wenn Recht Recht ist, hätte man auch den Namen des 93-Jährigen angeklagten Oskar Gröning, einem SS-Mann aus der Nazi-Hinterbank, nicht nennen dürfen. Doch bei ihm wird sofort der komplette Namen in allen deutschen Massenmedien genannt, presserechtliche Bedenken fallen plötzlich – unter Journalisten wie Richtern. Dabei ist der Mann Beschuldigter, noch kein Verurteilter. Doch das Urteil wird schon einmal vorweggenommen.

Dass man in Deutschland Probleme hat, Verbrechen beim Namen zu nennen, zeigte auch die Lufthansa Group: Sie vermied es in einer ganzseitigen Todesanzeige in der BILD-Zeitung am 17. April 2015 zum Gedenken an die 150 Toten in der wohl vorsätzlich in einen Berg gesteuerten Germanwings-Maschine von einem möglichen Verbrechen zu schreiben. Erst Recht vermied sie es von einem möglichen aber wahrscheinlichen Massenmord zu schreiben.

Vielmehr schrieb die Lufthansa Group in ihrer Traueranzeige von einem „Flugzeugunglück am 24. März“. Ähnlich hatte sich Hannelore Kraft, die SPD-Ministerpräsidentin aus Nordrhein-Westfalen anlässlich des Trauergottesdienstes im Kölner Dom geäußert. Auch sie sprach von einem „Unglück“.

Unglück oder Verbrechen?

Wenn ein wahrscheinlicher Massenmord eines einzelnen in den meisten deutschen Medien und sogar auf höchster politischer Ebene vornehm als „Unglück“ umschrieben wird – und sich daran keiner stört – fragen wir uns: Ja ist denn dann der Verbrecherstaat unter Adolf Hitler im Dritten Reich auch ein Unglück aus deutscher Geschichts-Interpretation? Ist denn auch die Massenvernichtung von Millionen Juden, Schwulen, Lesben, Linken, Behinderten, Oppositionellen ein „Unglück“ – oder ein Verbrechen oder ein unglückliches Verbrechen?

Wie auch immer: Jetzt steht in Lüneburg Oskar Gröning vor Gericht, ein ehemaliger SS-Mann. Er wird in einem Pauschalprozess angeklagt, Beihilfe zum Mord an 300.000 Menschen in Auschwitz geleistet zu haben. Heute ist Gröning 93 Jahre alt, muss also zum Zeitpunkt seiner Tat zwischen 18 und 19 Jahre alt gewesen sein. Das ist also ein Alter, welches nach heute geltendem Strafrecht unter das Minderjährigen-Recht fällt, was heißt: es darf nicht das volle Strafrecht gelten, sondern das deutsche Jugendstrafrecht.

Zum Zeitpunkt der Machtergreifung von Adolf Hitler und seinem Verbrecher-Regime war Oskar Gröning 1933 ungefähr 7 Jahre alt. Ein Kind also, das möglicherweise von morgens bis abends mit der nationalsozialistischen Ideologie infiltriert wurde, der niemals andere Werte, als jene der Nazis kennengelernt hat, der dachte, er täte was unendlich gutes, wenn er gegen die Feinde Deutschlands auf allen Ebenen kämpft.

Dass die meisten in den Konzentrationslagern selber Opfer waren, das konnte ihm nicht klar sein – in Kriegszeiten, wo deutsche Soldaten in ganz Europa de Fakto Überfalls-Kriege führten, welche aber als „Verteidigungskriege“ öffentlich bezeichnet wurden. Gleichzeitig erlebten Millionen Deutsche, die glauben, sicht gegen Feinde von außen verteidigen zu müssen, wie Briten und Amerikaner täglich Tausende Brandbomben, Millionen Tonnen an Bomben, auf deutsche Städte entluden und Hunderttausende Deutsche in den Flammen umkamen. Wie soll ein Minderjähriger in Zeiten eines Propaganda-Ministers vom Schlage Joseph Goebbels Vorgänge um ihn herum mit sonst möglicherweise üblichen Maßstäben „richtig“ interpretieren?

Nach Kaiser Wilhelm II wird in Deutschland sogar eine Kirche benannt

Und doch versuchen Richter in Lüneburg das Volksherz anzuheizen, indem man so tut, als würde man mit dem Prozess Verbrechen im nationalsozialistischen Deutschland heilen oder auch nur spät sühnen. Bei einem Nazi-Kind? Einem, der offensichtlich eben nicht wusste, was er tat, worauf er sich eingelassen hatte und wie er da wieder rauskam?

Der deutsche Kaiser Wilhelm II, der mit vollem Namen „Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen“ heißt, gilt als zentraler Befehlshaber und Mit-Verantwortlicher für den Ersten Weltkrieg in Europa. In seiner Schuld liegen selbstverständlich viele Millionen Tote, die er mit anderen Königshäusern und Parlamentariern auch aus anderen europäischen Staaten zu verantworten hat.

Doch blieb der deutsche Kaiser rechtlich unbehelligt, konnte in den Niederlanden bis zu seinem Tode 1941 leben. Ein Mann, der immerhin über 30 Jahre der Staatsführer des Deutschen Reichs war – von 1888 bis 1918 und durchaus wusste, was er tat, als er Giftgaseinsätze mit befahl. Noch heute nennen wir eine Kirche – ausgerechnet! – in Berlin nach ihm: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Kudamm.

Nun soll also SS-Mann Oskar Gröning angeblich im KZ Auschwitz geholfen haben, den Inhaftierten Wertsachen aus dem Gepäck zu sammeln und zwar konkret von den neu angekommenen Häftlingen. In jedem Unternehmen ist bekannt, dass nicht jeder weiß, was der andere tut. Erst Recht wissen 18-Jährige nicht, was sie tun sollen, wenn ein Staat Dinge tut, die offiziell nach Recht und Gesetz durchgeführt werden.

Der Staat hat die Deutungshoheit – bis heute. Wenn ein Staat einem 18-Jährigen sagt, die Ankommenden sind Verbrecher, sind sie das aus Sicht eines 18-Jährigen – bis heute. Wenn die USA im Irak nach Schätzungen 500.000 Menschen umgebracht haben, nur um das Regime um Saddam Hussein zu stürzen (um ISIS den Weg zu bahnen), werden die Toten verschwiegen. Dabei war auch das Mord.

Wenn die NATO in Libyen mordet, Isis den Weg ebnet, wird das verschwiegen

Wenn die NATO in Libyen 2011 mit Unterstützung und Forderung aller 28 Regierungschefs der Europäischen Union (EU) das Gaddafi-Regime stürzt und dabei 50.000 Menschen ermordet (denn Krieg ist immer Mord), dann werden auch hier von deutschen Massenmedien die Toten verschwiegen.

Dass auch in Libyen die NATO, die EU, die USA direkt dazu beigetragen haben, dass hier ein ganzer Staat gefallen ist und heute der Isis in die Hände fällt – das ist einer politischen Isis-Analyse vom Sonntag der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung kaum eine Zeile wert. Dafür wird viel hetzerisch schwadroniert vom Islamismus als der Bibel des Terrors.

Der angebliche NS-Prozess in Lüneburg ist eine Farce. Weder kann er Heilung bringen, noch Gerechtigkeit, auch keine späte Gerechtigkeit. Man opfert einen Kleinen, einen der kleinsten im System, einen Minderjährigen, ein Kind, um sich als Deutschland den späten Anstrich des Rechtsstaats zu geben.

Doch Deutschland war – wie alle Länder dieser Welt – während Kriegszeiten kein Rechtsstaat. Selbst die USA nehmen sich in Kriegszeiten viele Dinge raus, welche mit sonst üblichen Rechtsmaßstäben nicht in Einklang zu bringen sind.

Hinzu kommt: Die industrielle Vernichtung von Millionen Menschen unter den Nazis ist gar nicht so neu, wie gerne getan wird: Der Deutsche Bundestag und die deutsche Bundesregierung weigeren sich ja bis heute den Völkermord an den Armeniern durch die Türken als solches zu bezeichnen. Die Ermordung von Millionen Sklaven und Einheimischen in gut 500 Jahren durch die europäischen Kolonialmächte Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal, die Niederlande – bis heute ein ungesühntes Massenverbrechen.

Amis und Russen bedienten sich an deutschen Verbrechern – zum eigenen Nutzen

Geradezu müßig ist es zu betonen, dass die meisten Schwerverbrecher und wirklichen Täter und Verantwortlichen des NS-Regimes in Tausenden Fällen nahezu unangetastet blieben oder nach kurzer Haftzeit wieder entlassen wurden. Die BASF war an der Herstellung von Giftgas für die Kriege zentral beteiligt – es gibt sie noch heute und viele der Verantwortlichen von damals konnten weiter machen.

Auch eine Quandt-Dynastie steckte knietief in den Nazi-Verbrechen drinnen. Wurde da irgendeiner gehängt? Nein. Dass sich die Quandts bis heute bemühen, durch eine verantwortungsvolle Industriepolitik gesellschaftlich positiv zu wirken, indem sie nicht nur Arbeitsplätze in Billiglohnländern schaffen, steht auf einem anderen Blatt. Aber unvergessen machen kann es Verbrechen, in welche man direkt oder indirekt involviert war, nicht. Zudem:

Was ist mit den Wissenschaftlern, die in Deutschland an der Atombombe und Raketentechnik arbeiteten, um Hitler einen effizienteren Krieg zu ermöglichen? Sie wurden dankend von den Amis und Russen genommen. Ohne deutsches Knowhow hätte es so schnell keine Atombombe gegeben, auch hätten die Amis ihren Mondflug ohne deutsche Wissenschaftler 1968 nicht durchführen können.

Warum wird bis heute der US-Präsident für seinen Befehl, die verbrecherischen Atombomben über Japan abzuwerfen – welche man zynisch auch noch „Little Boys“ nannte – nicht posthum wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt? Denn die Opfer der Atombomben in Japan waren Zivilisten – nicht der Kaiser, auch nicht das japanische Regime. Egal was man anschaut, egal wie man es dreht und wendet: Der angebliche große Nazi-Prozess von Lüneburg ist eine peinliche Farce.

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