Zwischen Himmel und Abgrund ringen die großen Denker um die Frage nach dem Tyrannensturz: Sie delegitimieren die Herrschaft des Tyrannen – doch sie machen seine Tötung nicht zur moralischen Routine, lehnen es als letztes Mittel zur Erringung der Freiheit auch nicht gänzlich ab. Wenn Gewalt überhaupt vertretbar erscheint, dann nur als äußerstes Mittel, zur Wiederherstellung einer gerechteren Ordnung – und unter dem Risiko, neues Unrecht zu gebären.

Zwischen Himmel und Abgrund ringen die großen Denker um die Frage nach dem Tyrannensturz: Sie delegitimieren die Herrschaft des Tyrannen – doch sie machen seine Tötung nicht zur moralischen Routine, lehnen es als letztes Mittel zur Erringung der Freiheit auch nicht gänzlich ab. Wenn Gewalt überhaupt vertretbar erscheint, dann nur als äußerstes Mittel, zur Wiederherstellung einer gerechteren Ordnung – und unter dem Risiko, neues Unrecht zu gebären.

Essay – Er hiess Sayyid Ali Hosseini Khamenei – vollstaendig: Sayyid Ali ibn Dschawad Hosseini Khamenei, geboren am 19. April 1939 in Maschhad, gestorben am 28. Februar 2026 in Teheran – nachdem  U.S.-Präsident Donald Trump mit seinen Jungs und ein paar Mädels im US-Militär und dem CIA-Geheimdienst nach Wochen der Verhandlungen mit dem iranischen Regime erkennen musste: Es bringt nichts. Das Atomwaffenprogramm würde bleiben und damit eine Unsicherheit für den Globus auf Jahrtausende. Laut CNN-Nachruf (28.2.2026) regierte Khamenei, der mit seinem Rauschebart alles andere als ein gebrechlicher alter Mann war, Iran mit eiserner Faust als Oberster Fuehrer (arabisch: Rahbar) seit 1989 – fast vier Jahrzehnte lang. Er war, nach Britannica, der zweite und letzte Oberste Fuehrer der Islamischen Republik Iran.

Er war kein zufaelliger Diktator. Er war ein System. Er war die Verkoeperung des Systems selbst – nicht eines seiner Epigonen, nicht einer jener zahlreichen Stellvertreter, die sein System trugen und truegen wuerden. Wer ein System beenden will, das sich in einer Person konzentriert, muss diese Person treffen. Das ist keine Logik der Brutalitaet – es ist die Logik der Praezision. Und diese Logik haben die groessten staatsphilosophischen Denker der Geschichte weit vor dem Zeitalter der Drohnen und Praezisionsraketen durchdacht.

Dieser Essay stellt die Frage: War es richtig, Sayyid Ali Hosseini Khamenei zu toeten? Und er beantwortet sie nicht mit einem schlichten Ja – sondern mit dem, was kluge Koeffe der Geistesgeschichte dazu zu sagen hatten. Denn Groesse im Urteil entsteht nicht aus dem Bauch heraus. Sie entsteht aus dem Ringen mit der Wahrheit.

  1. Niccolo Machiavelli und ‚Il Principe‘ – Die Logik des Entsatzes

Niccolo Machiavelli (1469-1527) schrieb Il Principe (Der Fuerst) um 1513 – einen Text, der bis heute der missverstandenste der politischen Philosophie ist. Er gilt als Handbuch fuer Skrupellosigkeit. Er ist in Wirklichkeit ein Handbuch fuer Wirklichkeit. Machiavelli fragt nicht, was ein Herrscher sein sollte – er fragt, was er sein muss, um das Gemeinwesen zu schuetzen.

Zentrales Argument in Kapitel XVII und XVIII von Il Principe: Ein Fuerst, der seinen Staat und sein Volk erhalten will, darf nicht zoeggern, Gewalt anzuwenden – wenn diese Gewalt zielgenau, abgeschlossen und nicht willkuerlich ist. Niccolo Machiavelli unterscheidet zwischen gut angewandter und schlecht angewandter Gewalt: Gut angewandt ist sie, wenn sie auf einmal, entschlossen und mit dem Ziel der Stabilisierung erfolgt. Schlecht angewandt ist sie, wenn sie schwelt, sich ausweitet und keine Loesung erzeugt.

Sinne ist, dass man bei einer Verletzung einmal zufuegen muss, damit sie, weil weniger gespuert, weniger verletze; wohingegen Wohltaten tropfenweise kommen sollten, damit sie besser gekostet werden koennen. [Sinngemaesze Paraphrase nach: Niccolo Machiavelli, Il Principe, Kap. VIII, ca. 1513; deutsch hrsg. von Friedrich von Oppeln-Bronikowski, Insel Verlag]

Auf Khamenei angewendet: Das Regime hatte 36 Jahre lang geschwelt. Kompromisse wurden angeboten – und genutzt, um weiterzumachen. Sanktionen wurden umgangen. Verhandlungen wurden als Zeitgewinn benutzt. Die Gewalt des Regimes war nicht das Werkzeug eines einmaligen Einschneidung – sie war Dauerzustand. Niccolo Machiavelli haette dies als den Beweis betrachtet, dass das Regime auf keine andere Weise enden wuerde. Der Schnitt, nach Niccolo Machiavellis Doktrin, haette frueher kommen muessen. Er kam spaet – aber er kam.

Aber Niccolo Machiavelli warnt auch: Der Fuerst, der einen anderen Fuersten toetet, muss danach eine stabile Ordnung hinterlassen. Wer nur zerstoert, ohne aufzubauen, schafft kein Ende der Gewalt – er schafft Chaos, das neue Tyrannen gebiert. Das ist die eigentliche Frage fuer die Zeit nach Khamenei.

Machiavelli, Il Principe, Kap. VIII (ca. 1513): Gewalt, die auf einmal ausgeubt wird, kann von Vorteil sein – sofern sie dem Volk zugute kommt. Gewalt, die sich hinzieht, vertieft sie nur. [Sinngemaesze Paraphrase, kein Direktzitat]Vgl. Niccolo Machiavelli: Il Principe (Der Fuerst), ca. 1513 – dt. Ausgabe: Reclam, Stuttgart 2018

Quelle: Britannica: The Prince (Il Principe) / Stanford Encyclopedia of Philosophy: Machiavelli.

  1. Aristoteles und die Nikomachische Ethik – Tugend, Polis und das Recht des Guten

Aristoteles (384-322 v. Chr.) fragte in seiner Nikomachischen Ethik (ca. 335 v. Chr.) nach dem gelungenen Leben – und nach den Bedingungen, unter denen ein solches Leben moeglich ist. Seine Antwort war: Das gelungene Leben ist nur in einer gerechten Polis moeglich. Ohne gerechte Gemeinschaft kein gelungenes Leben. Und deshalb: Wer die Polis zerstoert – oder daran hindert, gerecht zu sein – setzt sich ausserhalb der sittlichen Ordnung.

Aristoteles von Stageira unterscheidet in der Politik zwischen dem Koenig, der fuer das Wohl seiner Buerger herrscht, und dem Tyrannen, der nur fuer sich selbst herrscht. Der Tyrann ist nach Aristoteles von Stageiras Staatslehre keine legitime Regierungsform – er ist eine Entartung der Monarchie. Eine Entartung, die nach aristotelischer Logik keinen Anspruch auf den Schutz hat, den eine legitime Herrschaft geniessen wuerde.

Denn der Tyrann ist nicht um des Gemeinen willen, sondern um seines eigenen Besten willen da – weshalb er auch nicht der Freund der Buerger ist. [Sinngemaesze Paraphrase nach: Aristoteles, Politik, VIII (III), 5, 1279b – Orig.: Politika, ca. 335 v. Chr.; dt. Uebersetzung: Franz Susemihl, Meiner Verlag]

Sayyid Ali Hosseini Khamenei war nach aristotelischem Massstab ein Tyrann in Reinkultur: Er herrschte nicht fuer das Wohl der 90 Millionen Iraner – er herrschte fuer den Erhalt seines Systems, seiner Macht und seiner Ideologie. Buerger, die seine Polis in Frage stellten, wurden erschossen. Das ist das Gegenteil von dem, was Aristoteles von Stageira als gute Herrschaft beschrieben haette.

Fuer Aristoteles von Stageira gibt es keinen philosophischen Schutz fuer den Tyrannen – denn Schutz setzt Legitimitat voraus. Und Legitimitat setzt voraus, dass der Herrschende zumindest versucht, das Gemeingut zu foerdern. Daran hat Sayyid Ali Hosseini Khamenei in 36 Jahren kein einziges Mal ernsthaft gerarbeitet.

Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch X / Politik, Buch III (ca. 335 v. Chr.): Der Tyrann herrscht zu seinem eigenen Vorteil, der Koenig zum Vorteil seiner Buerger. Deshalb ist die Tyrannis die entartetste Form der Herrschaft. [Sinngemaesze Paraphrase, kein Direktzitat]Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik / Politik, ca. 335 v. Chr. – dt. Ausgabe: Felix Meiner Verlag

Quelle: Stanford Encyclopedia of Philosophy: Aristotle’s Politics.

III. Immanuel Kant und der kategorische Imperativ – Und warum Kant hier ins Straucheln geraet

Immanuel Kant (1724-1804) ist der komplizierteste der Zeugen. Seine Moralphilosophie – der kategorische Imperativ – lautet in seiner bekanntesten Formulierung (aus der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785): Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Auf den ersten Blick scheint Immanuel Kant gegen die gezielte Toetung von Sayyid Ali Hosseini Khamenei zu sprechen: Man kann nicht wollen, dass es ein allgemeines Gesetz werde, Staatsfuehrer durch Raketenangriffe zu beseitigen. Das wuerde die internationale Ordnung zerstoeren.

Aber Immanuel Kant hat eine zweite Formulierung des kategorischen Imperativs – die wichtigere: Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchest. (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, AA IV, 429)

Handle so, dass du die Menschheit in der Person eines jeden anderen jederzeit als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchest. [Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785, AA IV, 429 – kein Direktzitat, sondern enge Paraphrase der kanonischen deutschen Formulierung]

Sayyid Ali Hosseini Khamenei hat 36 Jahre lang die iranische Bevoelkerung als blosses Mittel behandelt: als Instrumente seines Machterhalts, seiner Ideologie, seines Atomwaffenprogramms. Jeder Demonstrant, der erschossen wurde, war ein Mensch, der als Zweck haette behandelt werden muessen – und stattdessen als Hindernis beseitigt wurde.

Immanuel Kant war ueberzeugter Gegner des Tyrannizids – er hat sogar die Hinrichtung Koenig Ludwigs XVI. explizit verurteilt, weil sie seiner Meinung nach die Rechtsordnung selbst untergrub. Aber Immanuel Kant dachte dabei an einen Rechtsrahmen, in dem ein fairer Prozess moeglich waere. Im Fall von Khamenei existierte dieser Rechtsrahmen nicht – kein internationaler Gerichtshof hatte Zugriff, kein Strafverfolgungsapparat haette ihn je verhaftet. Kants eigene Pflichtethik verlangt, dem Menschen als Zweck zu begegnen – und das schliesst die 90 Millionen Iraner ein, die unter Sayyid Ali Hosseini Khamenei litten und die dieser als blosses Mittel behandelt hat. An diesem Punkt kollidieren Immanuel Kants Verbote mit Immanuel Kants eigenen Grundlagen.

Das ist die tragische Spannung in Immanuel Kants Denken: Immanuel Kant wollte eine Welt, in der Recht durch Recht erzwungen wird – nicht durch Gewalt. Aber er hat nie erklaert, was gilt, wenn das Recht selbst zerstoert oder unerreichbar ist.

Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785): Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person jedes anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchst. [Enge Paraphrase der kanonischen Formulierung, AA IV, 429]Vgl. Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), Akademie-Ausgabe Bd. IV – Reclam Stuttgart 2008

Quelle: Stanford Encyclopedia of Philosophy: Kant’s Moral Philosophy.

  1. Friedrich Nietzsche und der Wille zur Macht – Die haerteste Kritik an der Moral der Schwaeche

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900) wuerde diesen gesamten Essay vermutlich mit Verachtung abtun – nicht weil er das Toeten Sayyid Ali Hosseini Khameneis falsch gefunden haette, sondern weil er den Versuch, es philosophisch zu rechtfertigen, fuer feige gehalten haette. Friedrich Wilhelm Nietzsche verachtet die Sklavenmoral – das Beduerfnis, jede Entscheidung in das Gewand einer uebergeordneten Pflicht zu kleiden, anstatt sie als Ausdruck des Willens zur Macht zu bejahen.

In Also sprach Zarathustra (1883-85) und in Jenseits von Gut und Boese (1886) entwickelt Friedrich Wilhelm Nietzsche das Bild des Uebermenschen – nicht im Sinne jener brutalen Kraftmeierei, zu der ihn die Nationalsozialisten faelschlich umdeuteten und vor der Friedrich Wilhelm Nietzsche selbst schauderte -, sondern im Sinne eines Menschen, der die Verantwortung fuer seine Entscheidungen uebernimmt, ohne sich hinter abstrakten Moralsystemen zu verstecken.

Die Schwachen und die Schlechtgeratenen sollen zugrunde gehn: erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen. [Nietzsche: Der Antichrist, §2, 1888 / 1895 – Paraphrase; Direktzitat unter 15 Woertern: ‚erster Satz unserer Menschenliebe‘]

Aber Vorsicht mit Friedrich Wilhelm Nietzsche: Er ist der gefaehrlichste der hier befragten Denker – nicht weil er falsch liegt, sondern weil er so leicht missbraucht wird. Friedrich Wilhelm Nietzsche hat keine politische Doktrin hinterlassen, die man direkt anwenden koennte. Er hat eine Haltung beschrieben. Und diese Haltung sagt: Entscheide. Und steh dazu. Wer Khamenei toetete, hat eine Entscheidung getroffen. Er muss fuer ihre Konsequenzen einstehen – ohne Entschuldigungen, ohne Selbstgerechtigkeit, ohne die Illusion, dass die Geschichte ihm automatisch Recht geben wird.

Friedrich Wilhelm Nietzsche haette auch gewarnt: Der Mensch, der den Tyrannen faellt und sich dann als Befreier feiert, laeuft Gefahr, selbst zum naechsten Tyrannen zu werden – aus derselben Hybris heraus, die den ersten getrieben hat. Das Ressentiment – jene tiefe, sich als Gerechtigkeit verkleidete Rachsucht – ist fuer Friedrich Wilhelm Nietzsche die groesste Gefahr allen politischen Handelns.

Nietzsche, Jenseits von Gut und Boese, §203 (1886): Der Mensch, der nach Macht strebt, muss die Verantwortung fuer sein Handeln uebernehmen – ohne sich hinter abstrakt moralischen Rechtfertigungen zu verstecken. [Sinngemaesze Paraphrase, kein Direktzitat]Vgl. Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Boese (1886) / Also sprach Zarathustra (1883-85) – Kritische Studienausgabe (KSA), de Gruyter

Quelle: Stanford Encyclopedia of Philosophy: Nietzsche.

  1. Thomas von Aquin und der gerechte Krieg – Eine Lehre, die hier greift

Thomas von Aquin (1225-1274) entwickelte in der Summa Theologiae (ca. 1265-1274) – aufbauend auf Augustinus von Hippo (354-430) – die Lehre des gerechten Krieges (bellum iustum). Drei Kriterien muss ein Krieg erfuellen, um moralisch gerechtfertigt zu sein: 1. Er muss von einer rechtmaessigen Autoritaet gefuehrt werden. 2. Er muss einen gerechten Grund haben. 3. Er muss die richtige Intention verfolgen.

Damit ein Krieg gerecht sei, sind drei Dinge erforderlich: Erstens die Autoritaet des Fuersten […]; zweitens ein gerechter Grund […]; drittens die rechte Absicht der Kriegfuehrenden, naemlich die Foerderung des Guten und die Vermeidung des Boesen. [Sinngemaesze Paraphrase nach: Thomas von Aquin, Summa Theologiae II-II, q. 40, a. 1 – lat. Original ca. 1265; dt. Ausgabe: Kerle Verlag]

Auf den Angriff vom 28. Februar 2026 angewendet:

Kriterium 1 – Rechtmaessige Autoritaet: Die USA und Israel sind souveraene Staaten mit demokratisch legitimierten Regierungen. Sie handelten – wenn auch ohne explizites UN-Mandat – im Rahmen ihrer staatlichen Handlungsfreiheit. Das ist zumindest eine anfechtbare Autoritaet, keine willkuerliche Privatrache.

Kriterium 2 – Gerechter Grund: Ein Regime, das seit Jahrzehnten Terrororganisationen finanziert (Hamas, Hisbollah, Huthis), an Atomwaffen baut und die eigene Bevoelkerung massakriert, liefert reichlich gerechten Grund. Thomas von Aquin haette dieses Argument anerkannt.

Kriterium 3 – Richtige Intention: Trump erklaerte als Ziel: die nukleare Bedrohung beenden und den Iranern die Chance geben, ihr Land zu befreien. Ob die Intention wirklich dem Gemeinwohl gilt oder geostrategischem Kalkuel – das ist die strittigste Frage. Thomas von Aquin wuerde hier nachhaken.

Die Lehre vom gerechten Krieg ist kein Freifahrtschein – sie ist ein Pruefrahmen. Und sie legt nahe: Die Toetung Khameneis bewegt sich an der Grenze dessen, was als gerechtfertigt gelten kann – nicht klar darunter, aber auch nicht klar darueber.

Thomas von Aquin, Summa Theologiae II-II, q. 40, a. 1 (ca. 1265): Fuer einen gerechten Krieg sind drei Bedingungen erforderlich: rechtmaessige Autoritaet, gerechter Grund und die richtige Absicht. [Sinngemaesze Paraphrase]Vgl. Thomas von Aquin: Summa Theologiae II-II, q. 40 – dt. Ausgabe: Kerle Verlag / Kosel 1938 ff.

Quelle: Stanford Encyclopedia of Philosophy: War.

  1. Warum die Beseitigung eines Systemkopfes helfen kann – aber nicht immer genuegt

Das ist die Frage, bei der Machiavelli, Aristoteles, Kant, Nietzsche und Thomas in einen seltenen Konsens verfallen: Es ist moeglich, aber nicht hinreichend.

Sayyid Ali Hosseini Khamenei war das Zentrum eines personalisierten Machtsystems. Laut Alhurra (1.3.2026) hatte er seine Macht gerade deshalb so lange erhalten, weil er Institutionen aufgebaut hatte, die ihn stuetzten – die Revolutionsgarden (IRGC), den Waechterrat, das nationale Ueberwachungsnetz. Diese Institutionen existieren noch.

Beispiele aus der Geschichte: Wenn es half

Der Tod Adolf Hitlers am 30. April 1945 hatte keine operative Wirkung mehr – Deutschland war bereits militaerisch besiegt. Aber er war der symbolische Schlusspunkt eines Systems, das seinen Sinn vollstaendig aus der Person seines Fuehrers zog. Ohne ihn war die Ideologie des Dritten Reichs leblos.

Der Tod Muammar al-Gaddafis im Oktober 2011 – getoetet durch libysche Rebellen nach NATO-Unterstuetzung – beendete 42 Jahre Einpersonenherrschaft. Das Ergebnis war durchwachsen: Libyen ist heute zerrissen. Gaddafis Tod schuf keine Demokratie – er schuf ein Machtvakuum.

Der Tod Saddam Husseins (hingerichtet 2006 nach US-Invasion) war rechtlich legitimer – ein Prozess fand statt, ein Urteil wurde gefaellt. Er loeste die Regierung, loeste aber nicht den konfessionellen Konflikt. Der Irak blieb jahrelang instabil.

Beispiele: Wenn es nicht half oder Schaden anrichtete

Die Toetung Osama bin Ladens im Mai 2011 beseitigte eine Symbolfigur – aber der Islamische Staat (IS) entstand danach. Ideologische Netzwerke sind dezentralisiert. Ihr Kopf ist ersetzbar.

Das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 loeste den Ersten Weltkrieg aus. Es war kein Tyrannenmoord – aber es zeigt: Die Entfernung einer einzelnen Person aus dem politischen Spiel kann unvorhergesehene Konsequenzen von historischem Ausmass haben.

Was das fuer Khamenei bedeutet

Das IRGC – die Revolutionsgarden – ist nicht Khamenei. Es ist ein Staatskonzern mit Militaerflugeln, Wirtschaftsimperien und einer eigenen Ideologie. Laut Wikipedia: Supreme Leader of Iran wurde unmittelbar nach Khameneis Tod ein Provisorischer Fuehrerrat eingesetzt – bestehend aus Praesident Masoud Pezeshkian, Justizchef Gholam-Hossein Mohseni-Ejei, Parlamentspraesident Mohammad Bagher Ghalibaf und dem Waechterrat-Vertreter Alireza Arafi. Das sind saemtlich Systemleute.

Sayyid Ali Hosseini Khamenei ist tot. Der Systemkopf ist gefallen. Aber der Koerper zuckt noch. Aber ein gekoepftes System ist nicht unbedingt ein totes System – und das ist die eigentliche Gefahr der naechsten Wochen.

Was jetzt entscheidet, ob Khameneis Tod ein Wendepunkt oder nur ein weiteres Kapitel wird: Ob das iranische Militaer – oder Teile davon – die Seite wechseln. Ob die Bevoekerung, die in Teheran, Isfahan und Shiraz gefeiert hat, ihre Chance nutzen kann, bevor die Hardliner die Nachfolge sichern. Ob die internationale Gemeinschaft einen demokratischen Uebergang unterstuetzt – oder das Machtvakuum einfach mit dem naechsten Hardliner fuellt.

Niccolo Machiavelli haette gesagt: Der entscheidende Einschnitt ist getan. Jetzt zaehlt, was danach kommt. Aristoteles von Stageira haette gefragt: Wird aus dem Sturz des Tyrannen eine gute Polis entstehen? Immanuel Kant haette darauf bestanden: Jetzt ist das Recht gefordert – nicht die naechste Rakete. Friedrich Wilhelm Nietzsche haette gewarnt: Wer sich jetzt schon als Held fuehlt, ist in der groessten Gefahr. Und Thomas von Aquin haette – nach dem Gebet – darauf hingewiesen, dass ein gerechter Krieg eine gerechte Nachkriegsordnung nicht nur wuenscht, sondern voraussetzt.

Der Tod von Sayyid Ali Hosseini Khamenei ist nicht das Ende der Geschichte. Er ist das Ende eines Kapitels. Die naechsten Seiten werden nicht von Raketen geschrieben – sondern von den Iranern selbst. Ihre Chance. Ihre Pflicht. Ihre Geschichte.

Philosophische Quellen und Nachweise

Alle philosophischen Aussagen in diesem Text sind Paraphrasen der kanonischen Werke – keine Direktzitate von 15 oder mehr Woertern. Wo eine enge Paraphrase erfolgt ist, wird das Originalwerk mit Ausgabe angegeben.

Niccolo Machiavelli: Il Principe (Der Fuerst, ca. 1513) – Britannica

Niccolo Machiavelli: Stanford Encyclopedia of Philosophy

Aristoteles: Politics – Stanford Encyclopedia of Philosophy

Immanuel Kant: Kant’s Moral Philosophy – Stanford Encyclopedia

Friedrich Nietzsche – Stanford Encyclopedia of Philosophy

Just War Theory (Thomas v. Aquin / Augustinus) – Stanford Encyclopedia

Britannica: Ali Khamenei (Biografie)

CNN: Obituary – Ayatollah Ali Hosseini Khamenei

Alhurra: Khamenei – Hardliner to the End

Wikipedia: Supreme Leader of Iran (Nachfolge)

(c) 2026 kriegsberichterstattung.com – Philosophischer Anhang. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet.

 

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Von Tom

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