Skip to main content
Sonntag, 22. Juli 2018

Tunesien diskutiert Urteil über homosexuelle Studenten, die zu je drei Jahren Gefängnis verurteilt wurden

Das nordafrikanische Land Afrika Tunesien gerät nicht nur zunehmend unter den Einfluss von Terror-Organsationen sondern ebenso einer mittelalterlichen Justiz. Allerdings sorgt das auch im Land für Diskussionen. Das berichtet unter anderem das arabische Portal jawharafm.net.

So wurden jetzt sechs Studenten in der einstigen auch bei Deutschen beliebten Touristen-Hochburg Tunesien wegen homosexueller Handlungen in der tunesischen Stadt Kairouan (arabisch: القيروان) zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Die Studenten wurden von einem Richter zu jeweils drei Jahren Haft verurteilt, da man ihnen homosexuelle Handlungen vorwarf.

Als Beweismittel hatte die zuständige tunesische Staatsanwaltschaft unter anderem in Razzien in den Wohnungen der jungen Männer Wohnungen Computer, Festplatten und Smartphones beschlagnahmt. Im Falle eines Studenten, auf dessen Computer homosexuelle Bildnisse oder Videos gefunden worden waren, erhöhte der Richter die Strafe auf dreieinhalb Jahre. Die Studenten wohnten in der tunesischen Stadt Raqqäda.

Das tunesische Gericht beruft sich auf Kapitel 230 des tunesischen Strafgesetzbuches, welches „Sodomie“ unter Strafe stellt. Das Gesetz wurde im Rahmen der brutalen französischen Kolonialbesatzung im Jahr 1913 erlassen, als Tunesien von Paris aus als „Französisches Protektorat Tunesien“ geführt und kolonialistisch ausgebeutet wurde. Im Umfeld des Gerichts wird auch angeführt, dass man eine Verwestlichung der Tunesier verhindern müsse.

Dem stellten sich diverse Tunesier, ebenso Medien öffentlich entgegen, die selbst fassungslos vor dem jetzt gesprochenen Gerichtsurteil stehen. Vielen Tunesiern war nicht klar, dass es eine Gesetzesgrundlage überhabt geben könnte, die eine Verurteilung von Homosexualität ermöglichen könnte. Entsprechend wird diskutiert, ob die Richter in ihrem Gleichklang von Sodomie (Sex mit Tieren) und Homosexualität (Sex zwischen Männern oder Sex zwischen Frauen) überhaupt strafrechtlich richtig gehandelt haben.

Islamische Interpreten führen in der Debatte rund um Homosexualität in Tunesien an, dass es islamischen Studien gebe, welche Sanktionen gegen Homosexuelle erlaubten und zwar dann, wenn diese „den Frieden der Gesellschaft und die öffentliche Sicherheit“ gefährdeten. Dann könne man den islamischen Vers 33 der Sure Al-Maida hinzuziehen, welcher sage, dass Allah seine Gesandten auffordere zu kämpfen und „Unheil auf Erden“ zu verbreiten, also Täter zu töten und zu kreuzigen oder ihre Hände und Füße abzuschneiden. Als weitere Option könne man die Verurteilten auch auf der Erde verbrennen.

Tunesische Medien widersprechen dem jedoch und führen an, dass es „bemerkenswert“ sei, dass selbst während älterer Regierungszeitungen unter den tunesischen Kalifen Abu Dhar al-Ghafari, Ashtar und Amer bin Qais der islamische Paragraph, welcher gegen Homosexualität von erzkonservativen Muslimen gerne angeführt wird, außer Kraft gesetzt worden sei. Demnach hätten diese Kalifen Homosexualität nicht unter Strafe gestellt – auch nicht nach islamischem Recht.

Das Urteil in der tunesischen nordöstlichen Stadt Kairouan wurde bekannt, da die Anwältin der jungen tunesischen Studenten, Boutheina Karkni, eine öffentliche Erklärung dazu abgegeben hatte.

Dem Strafgerichtsverfahren waren Anzeigen von Nachbarn vorausgegangen und zwar sehr aktuelle: Denn die den Studenten vorgeworfenen sexuellen Handlungen sind gerade einmal im Zeitraum November sowie Dezember 2015 angeblich geschehen. Das bedeutet: In Tunesien scheint es Schnellgerichte zu geben, also eine Art Standgerichte.

Anwältin Karkni nannte das Urteil „außerordentlich hart“. Ähnlich äußerte sich der tunesische Rechtsanwalt Mohamed Abbou und erklärte, dass eine Verurteilung wegen Homosexualität in Tunesien äußert selten vorkomme, weshalb man umso überraschter sei. Anwältin Karkni sagte, sie wolle nun die Einspruchsfrist nutzen und vor ein Berufungsgericht in der Nähe der tunesischen Küstenstadt Sousse ziehen.

Menschenrechtsorganisationen wie die tunesische Menschenrechtsgruppe Shams kritisierten das Gerichtsurteil. Human Rights Watch (HRW) erklärte, man sehe einen „schweren Übergriff auf das Privatleben von Menschen und ihre körperliche Unversehrtheit“.

Dass das jetzige Gerichtsurteil in Tunesien nicht irgendein Urteil eines versprengten Provinzgerichtes ist, zeigt sich an der Äußerung eines Sprechers des tunesischen Innenministeriums. So soll Walid Louguini dem tunesischen Radiosender Shems FM erklärt haben, es sei „unsere Aufgabe, das Gesetz aufrechtzuerhalten“.

Allerdings scheint es auch gegenteilige Auffassungen zu geben. angeblich soll nach einem ähnlichen Anti-Homosexuellen Gerichtsurteil der im September zuständige Justizminister Salah Ben Aissa erklärt haben, die Homosexualität müsse entkriminalisiert werden in Tunesien.

In Westdeutschland waren bis zum 11. Juni 1994 nach dem § 175 des deutschen Strafgesetzbuches homosexuelle Handlungen bei unter 18-Jährigen offiziell verboten und wurde mit Strafe bedroht. Das Gesetz beruhte auf einem im Jahr 1872 im Rahmen des Reichsstrafgesetzbuches erlassenen Paragraphen. Bis 1973 – also bis vor gut 40 Jahren – stand in Westdeutschland auch Homosexualität unter Erwachsenen unter Strafe.

Fortschrittlicher war Ostdeutschland, die DDR (Deutsche Demogratische Republik). Sie hatte nach dem Zweiten Weltkrieg (WWII) bereits in den 1950er Jahren den Paragraphen 175 in Bezug auf das Verbot homosexueller Handlungen abgeschafft, später aber wieder Homosexualität kriminalisiert. Seit 1988 ist aber Homosexualität unter allen ab 14 Jahren in Ostdeutschland legal. Damit stellte die sozialistische DDR Homosexualität endgültig rechtlich mit Heterosexualität gleich.



Das könnte Sie interessieren

Sonntag, 08. Juli 2018

Palästina, Israel -

Hamas und Abas-Regierung sollen auf friedliche Demonstranten eingedroschen haben

Bereits Ende Juni veröffentlichte die deutsche Amnesty International-Sektion in Köln einen Bericht über ein angeblich massives Vorgehen bis hin zu Misshandlungen gegen Palästinenser. Dieses Mal aber nicht durch israelisches Militär, sondern unter anderem durch die palästinensische Hamas-Partei selber. Der Bericht stützt sich auf eine englischsprachige Version (1; vgl. zudem Fußnotenverweis 2). Das pazifistische Portal kriegsberichterstattung.com kann den AI-Bericht nicht verifizieren. […]

Mittwoch, 13. Juni 2018

Nasa Embera Chamí -

Indigene Gemeinschaft in Kolumbien mit Waffen bedroht und vertrieben

AI, Kolumbien – Mehr als 200 Angehörige der indigenen Gemeinschaft Nasa Embera Chamí aus dem Reservat La Delfina im Westen Kolumbiens seien, teilt Amnesty International in einer Urgent Action mit, aus ihren Wohnorten vertrieben worden. Zuvor sei am 8. Juni 2018 ein Anschlag auf einen Bewohner der Gemeinde verübt worden. Dies zeige einmal mehr, dass die Menschen dort dringend mehr […]

Sonntag, 27. Mai 2018

Wegen "Loyalitätsbruch" -

Israel droht Palästinensischer Autonomiebehörde mit Verlust des Aufenthaltsrechts in Jerusalem

Vier Mitgliedern des Palästinensischen Legislativrats droht, teilte Amnesty International (AI) bereits Ende April 2018 mit, der Verlust ihres dauerhaften Aufenthaltsstatus in Jerusalem. Auf der Grundlage eines vom israelischen Parlament (Knesset) verabschiedeten Gesetzes sei das israelische Innenministerium befugt, Personen wegen mutmaßlichen „Loyalitätsbruchs“ das Aufenthaltsrecht zu entziehen. Das teilte die Menschenrechtsorganisation mit. Am 19. März habe der israelische Innenminister Arye Deri angekündigt, zwölf […]

Donnerstag, 10. Mai 2018

Morde in Kolumbien wegen Staudammprojekt -

Hugo Albeiro George Pérez neues Opfer

Kolumbien – Amnesty International (AI) weist in einer Urgent Agent darauf hin, dass in dem lateinamerikanischen Staat Kolumbien Umweltschützer massiv bedroht, eingeschüchtert, ja sogar ermordet würden. So sei ein Mitglied der Bewegung Ríos Vivos (Lebende Flüsse) am 2. Mai getötet worden. Das sei jener Tag, an welchem die Gruppe einen ganztägigen Protestmarsch gegen das Hidroituango-Staudammprojekt im Departamento Antioquia veranstaltet habe. Mitglieder der […]

Montag, 30. April 2018

Israel ermordete 39 Palästinenser: Amnesty fordert exzessive Gewalt umgehend einzustellen

Die international größte Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) fordert in einer dringlichen Presseerklärung, dass Israel seine ‚exzessive Gewalt‘ gegen Palästinenser umgehend einstellen solle. Wir zitieren aus der Presserklärung: „Während am Freitag, dem 13. April 2018 die Proteste aufs Neue begannen, erklärte Amnesty International, dass die israelischen Behörden der Anwendung von übermäßiger und tödlicher Gewalt zur Unterdrückung palästinensischer Demonstrationen im Gazastreifen ein […]

Samstag, 14. April 2018

Bomben auf Syrien +++ Der schmutzige Krieg der USA, Frankreichs und Großbritanniens

Kommentar – Es gehört seit Jahrhunderten zum strategischen Repertoire ehemaliger westlichen Kolonialstaaten wie den USA, Frankreichs oder Großbritanniens, die Geschichte immer so umzuschreiben, dass man selbst mit einer angeblich sauberen Weste dasteht. Ganz nach dem Motto: Die Geschichte schreibt immer der Sieger. Das ist auch beispielsweise mit den Deutschbalten so. 1917, im Zuge der Russischen Revolution, die als „Februarrevolution 1917“ […]


Keine Kommentare vorhanden


Du hast eine Frage oder eine Meinung zum Artikel? Teile sie mit uns!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*
*