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Besuch im KZ Buchenwald: Erinnerungen an Elie Wiesel und seine Rede dort

Es ist Krieg im Gazastreifen. Israel hat nun beinahe 1000 Palästinenser in diesem schrecklichen Krieg umgebracht und selber rund 30 Soldaten verloren. Wir versuchen zu verstehen, was in den Köpfen und Herzen der Israelis vor sich geht, wenn sie solche Taten vollbringen. Wir sind auf Spurensuche in einem deutschen KZ in der Nähe von Weimar – im KZ Buchenwald. Heute wird es als Stiftung Gedenkstätte Buchenwald geführt.

Eigentlich ist es wenige Jahre her, als wir das KZ Buchenwald besuchten. Doch die Erinnerungen, der Schmerz, liegt bis heute wie Mehltau auf uns. Einen Tag vor uns war hier Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin zu Besuch -mit dem Präsidenten der USA, Barack Obama und Elie Wiesel, dem Friedensnobelpreisträger und Überlebenden des KZ Buchenwald. Jetzt, wo alle Welt wieder von Krieg redet, möchten wir mit der bewegenden Rede von Elie Wiesel an die Wichtigkeit von Frieden erinnern. Wir versuchen seine in Englisch gehaltene Rede im Konzentrationslager Buchenwald vom 4 Juni 2009 möglichst wortgetreu widerzugeben:

Herr Präsident, Kanzlerin Merkel, Bertrand, Ladies und Gentlemen:

Als ich heute hierher kam, war es ein Weg, als ob ich das Grab meines Vaters besuchte. Aber er hat kein Gab. Sein Grab ist irgendwo im Himmel. Der Himmel ist in diesen Jahren der größte Friedhof des jüdischen Volkes geworden.

Der Tag, als er starb, war einer der dunkelsten in meinem Leben. Er wurde krank, schwach, und ich war da. Ich war da, als er litt. Ich war da, als er um Hilfe bat, für Wasser. Ich war dort, um seinen letzten Worten zuzuhören. Aber ich war nicht da, als er nach mir rief, obwohl wir im gleichen Block waren; er auf dem oberen Bett und ich auf dem unteren Bett. Er rief meinen Namen, und ich hatte zu viel Angst, mich zu bewegen. Alle von uns hatten Angst. Und dann starb er. Ich war dort, aber ich war nicht da.

Und ich dachte, eines Tages werde ich wieder zu ihm kommen und mit ihm sprechen und ihm sagen, wie nun meine Welt ist. Ich spreche in Zeiten, in denen die Erinnerung eine heilige Pflicht aller Menschen guten Willens ist – in Amerika, wo ich lebe, oder in Europa oder in Deutschland, wo Sie, Frau Merkel, ein Führer mit großem Mut und moralischen Bestrebungen sind.

Was kann ich ihm sagen, dass die Welt gelernt hat? Ich bin mir nicht so sicher. Herr Präsident, wir haben so große Hoffnungen in Sie, weil Sie mit Ihrer moralischen Vision der Geschichte in der Lage sein werden und gezwungen sind, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, wo die Menschen einen Krieg stoppen – jeder Krieg ist absurd und bedeutungslos – wenn die Leute aufhören einander zu hassen; wo die Menschen die Andersartigkeit des Anderen nicht respektieren.

Aber die Welt hat nicht gelernt. Als ich in 1945 befreit wurde, am 11. April, von der amerikanischen Armee, waren irgendwie viele von uns überzeugt, dass zumindest eine Lektion gelernt wurde – dass es nie wieder wird Krieg geben; dass der Hass keine Option ist; Rassismus ist dumm; und der Wille, den Verstand oder Gebiete oder die Wünsche anderer Menschen zu erobern, das ist sinnlos.
Ich war so hoffnungsvoll. Paradoxerweise war ich dann so hoffnungsvoll. Viele von uns waren das. Obwohl wir das Recht hatten an der Menschheit zu zweifeln, an der Kultur, der Bildung, der Möglichkeit, Leben zu leben mit Würde in einer Welt, die keine Würde hat.

Wir lehnten diese Möglichkeit ab. Und wir sagten: ‚Nein, wir müssen weiter den Glauben an eine Zukunft haben, denn die Welt hat gelernt.‘ Aber die Welt hat nicht. Hätte die Welt gelernt, hätte es kein Kambodscha und Ruanda gegeben, auch kein Darfur und kein Bosnien.

Wird die Welt jemals lernen?

Ich denke, das ist es, warum Buchenwald so wichtig ist – so wichtig, natürlich, aber anders als Auschwitz. Es ist wichtig, weil hier das große Lager eine Art internationalen Gemeinschaft war. Die Menschen kamen dorthin aus allen Horizonten – politischen, wirtschaftlichen, kulturellen. Die erste Globalisierung, ein Experiment wurde in Buchenwald gemacht. Und all das gab es, um die Menschlichkeit des Menschen zu verringern.

Sie sprachen von der Menschheit, Herr Präsident – wenn auch zu uns. Aber in diesen Zeiten war es der Mensch, der unmenschlich war. Und nun hat die Welt gelernt, hoffe ich. Und natürlich diese Hoffnung beinhaltet so vieles von dem, was Sie jetzt Ihre Vision für die Zukunft nennen, Herr Präsident: ein Gefühl der Sicherheit für Israel; ein Gefühl der Sicherheit für seine Nachbarn, um den Frieden in der Region zu schaffen. Die Zeit muss kommen. Es ist genug passiert- genug, um auf Friedhöfe zu gehen. Genug, um für Waisenkinder zu weinen. Es ist genug. Es muss ein Moment kommen, ein Moment, um die Menschen zusammenzubringen.

Und deshalb sagen wir: jemand, der hierher kommt, sollte mit diesem Auftrag zurückgehen. Die Erinnerung muss die Menschen zusammen bringen, anstatt sie auseinander zu bringen. Erinnerungen hier sollen nicht den Zorn in unseren Herzen säen, sondern im Gegenteil, ein Gefühl der Solidarität, für alle, die uns brauchen. Was können wir noch tun, außer zu sagen, dass wir erinnern müssen, so dass die Menschen überall sagen werden, das 21. Jahrhundert ist ein Jahrhundert des Neuanfangs, mit Versprechen und unendlicher Hoffnung erfüllt, und manchmal tiefer Dankbarkeit an alle, die glauben, dass es unsere Aufgabe ist, dass die menschlichen Lebensbedingungen sich verbessern.

Ein großer Mann, Camus, schrieb am Ende seines wunderbaren Roman, Die Pest: „Immerhin“, sagte er, „nach der Tragödie gibt es nie den Rest… es gibt mehr im Menschen, um zu feiern, als zu verunglimpfen.“ Sogar das kann in Buchenwald gefunden werden – so schmerzhaft es ist.

Vielen Dank, Herr Präsident, dass Sie erlaubten, zurück zu meines Vaters Grab zu kommen, welches immer noch in meinem Herzen ist.

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