Die ARD ist eine qualitativ angesehene Fernsehanstalt. Ihr Programm ist immer wieder von großartigen Reportagen und kontroversen Talkshows, aber auch künstlerisch anspruchsvollen Spielfilmen geprägt. Umso peinlicher, wenn ihr erhebliche Fehltritte passieren – beispielsweise auf dem eigenen Onlineportal, wie jetzt wieder, ausgerechnet unter tagesschau.de – der Onlineausgabe der bekannten ARD-TAGESSCHAU.

Während alle Welt längst täglich sieht, dass die NATO eben nicht nur die Zivilbevölkerung in Libyen schützten möchte, sondern aktiv und brutalst dort die Vorreiterrolle eingenommen hat, um das Gaddafi-Regime zu stürzen, schwadroniert eine Mitarbeiterin der ARD-Tagesschau unter tagesschau.de in peinlichst pubertären Schönmalerei-Phrasen über einen angeblichen Gutmenschen-Krieg. Kleine Kostprobe des journalistischen Tiefflug-Stücks:

„Kampfeinsätze nur zum Schutz von Zivilisten“. Im Text heißt es dann weiter: „Der NATO-Einsatz in Libyen geht weiter, auch wenn das Regime von Machthaber Gaddafi vor dem endgültigen Kollaps steht. Es soll beim Grundsatz bleiben: Kampfeinsätze sollen Zivilisten schützen.“

Dann wird unreflektiert Roland Lavoie, Sprecher der Libyen-Mission der NATO, mit den Worten zitiert: „Wann immer es notwendig ist, die Zivilisten vor Gewalt zu schützen, werden wir Kampfeinsätze fliegen.“ Normalerweise müssten kritische Journalisten spätestens an diesem Punkt beispielsweise einmal einen Kritiker der NATO-Bombardements zu Wort kommen lassen, da die Aussage des NATO-Missions-Sprechers ja offensichtlich in dieser Pauschalität unzutreffend ist. Das hält aber die Brüsseler BR-Mitarbeiterin, die den Beitrag verfasst hat, nicht einmal ansatzweise für nötig.

Leser wird manipuliert

Stattdessen manipuliert tagesschau.de den Leser, indem man ihm einredet, dass die NATO in der Tat ja nur und ausschließlich Zivilisten schütze. So schreibt tagesschau.de, die NATO fliege nur dann Bombenangriffe, wenn sie sich gezwungen sehe, Zivilisten zu schützen: „Gewalt gegen Zivilisten wohlgemerkt – das ist für die NATO das entscheidende Kriterium. Dabei hat sie immer das Mandat der Vereinten Nationen im Blick.

Deswegen darf es auch nicht darum gehen, sich auf eine Seite zu schlagen und sich mit den Rebellen abzustimmen oder sie gezielt aus der Luft zu unterstützen.“ Wo lebt die ARD-Tagesschau-Autorin eigentlich??? Auf dem Ponyhof? Sie schreibt genau das Gegenteil von dem, was täglich in Libyen die NATO tut, ganz so, als sei sie die Redenschreiberin des umstrittenen NATO-Generalsekretärs. Doch für unkritische Ponyhof-Beiträge bezahlen die Deutschen nicht jährlich sechs Milliarden Euro Zwangsgebühren an die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender.

Unerwähnt bleibt in dem tagesschau.de-Beitrag auch, dass die NATO von Anfang an massiv gegen die UNO-Auflagen verstoßen hat, indem sie eben nicht nur eine Flugverbotszone eingerichtet hat und sich ausschließlich auf den Schutz von Zivilisten beschränkte. Ausgeblendet wird zudem, dass die NATO seit Monaten aktiv den Gaddafi-Gegnern den Weg nach Tripolis – und nicht nur dorthin – freibombt.

Nicht genannt wird obendrein, dass die NATO bereits mehr als 10.000 Bomben abgeworfen haben dürfte mit wahrscheinlich weit über 30.000 toten Soldaten und zivilen Gaddafi-Anhängern. Wie überhaupt die deutschen Medien fast nie von Toten sprechen, die die NATO-Angriffe mit sich bringen.

Die Tausenden Toten der NATO-Angriffe kommen in Medien wie der ARD nicht vor

Stattdessen wird immer nur die neutrale Sprache der NATO übernommen: Man habe militärische Ziele eliminiert, man habe 20 schwergepanzerte Wagen zerstört, man habe Munitionslager weggebombt. Von Menschen ist nie die Rede. Von Menschen, die ja auch in den Militärfahrzeugen sitzen, die die NATO mit Sprengbomben zerfetzt.

Es ist nie die Rede davon, dass ja auch Menschen in den Gaddafi-Militäreinrichtungen leben, möglicherweise auch lachen und lieben. Menschen, die in vielen Fällen wahrscheinlich keine Kugel-Schutzwesten anhatten, wie die Rebellen, die diese Tausendfach von den Briten und Franzosen erhalten haben.

Es ist in der ARD, wie in fast allen deutschen Medien, fast nie die Rede von oft nur 20-Jährigen jungen Gaddafi-Soldaten, die auch nur ihren Job für wenig Geld machten. Ihren Job an der Waffe halt – genauso, wie es die Rebellen tun. Wenn einmal die Rede von Menschen im Gaddafi-Lager ist, dann in Form einer ungeprüften Übernahme von gossenartigen Aussagen aus dem NATO- und Rebellenlager. Dann ist die Rede von Gaddafi-Schergen, Gaddafi-Ratten, Gaddafi-Teufeln, Gaddafi-Henkern.

Opferberichterstattung gibt es in der ARD fast immer nur zu Gunsten der Rebellen

Opferberichterstattung gibt es in der ARD, wie auch im ZDF, fast immer nur zu Gunsten der Rebellen. So gut wie nie ist in der Kriegsberichterstattung die Rede von NATO-Opfern, von den Tausenden Opfern, die durch die schweren Waffen starben, die entgegen der UNO-Auflage den Rebellen geliefert wurden.

Selbst Amnesty International sieht bereits massive Kriegsverbrechen auch auf Seiten der Rebellen, nicht nur auf Seiten der Gaddafi-Kämpfer. Kritiker sehen Kriegsverbrechen erheblichen Ausmaßes auch auf Seiten der NATO – beispielsweise den vorsätzlichen Mord in einem zivilen Wohngebiet an einem der Gaddafi-Söhne, seiner Frau und seiner drei Kinder.

Die ARD-Tagesschau scheint zu einem zentralistischen Sprachrohr der NATO mutiert zu sein, so wie es Hunderte andere deutscher Medien auch sind. Das ist kein Journalismus mehr, sondern ein peinlichstes beschämendes Versagen einer ganzen Zunft. Es ist ähnlich wie es zu Zeiten des Irak-Krieges war.

Auch damals, vor bald zehn Jahren, berichteten fast alle US-Medien unkritisch über den Irak-Krieg. Erst Jahre später kam die kritische Aufbereitung des eigenen Versagens. Dann erst, als klar wurde: Im Irak gab es gar keine Massenvernichtungswaffen und erst dann als klar wurde: Das Leben ist halt nicht nur schwarz oder weiß, sondern besteht aus vielen Schattierungen.

Von behaupteten Folterungen und Behauptungs-Journalismus

Ach ja: Im ZDF heutejournal von heute (30.8.2011) war ein mehrminütiger Beitrag über einen Libyen-Rebell zu sehen, der angeblich in einem Gaddafi-Gefängnis eingesessen haben soll und dort gefoltert worden sein soll. Erst vor kurzem kam er wohl frei. Seltsam: Der Gefolterte sah sehr gut genährt aus und rundum gesund. Auch seine Augen waren voll von Leben. Zudem ist von den angeblich schlimmen Folterungen an seinem Körper in dem ZDF-Beitrag nichts zu sehen (von einem weißen Band um eine Hand einmal abgesehen).

Auffällig ist hingegen, dass der Zuschauer einen Reporter sieht, der begierig sein Mikro dem angeblichen Opfer hinhält, ohne Beweise für die dort geschilderten Folter-Behauptungen dem Zuschauer zu präsentieren. Das wohl einzige was er zu haben scheint, sind Behauptungen. Doch es ist genau der Behauptungs-Journalismus, der kein Qualitäts-Journalismus ist. Auch diese Erkenntnis wird vielleicht nach Kriegsende bei einigen Journalisten wieder präsent werden.

Hier geht es zu dem Onlineartikel der ARD-Tagesschau: http://www.tagesschau.de/ausland/natolibyen104.html

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