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Mittwoch, 19. September 2018

Europäischer Staatsakt für Helmut Kohl, den europäischen Einheitskanzler

Bild: So kennen ihn Milliarden Menschen auf dem Globus: Helmut Kohl. Kein Kanzler regierte Deutschland länger als er - 16 Jahre. (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F074398-0021 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)
So kennen ihn Milliarden Menschen auf dem Globus: Helmut Kohl. Keiner regierte Deutschland langer als er - 16 Jahre. (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F074398-0021 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)

Nach dem Tod von Deutschlands Einheitskanzler Helmut Kohl (CDU) deutet sich an, dass sich Europa und die Welt von Kohl, der auch ein Einheitskanzler der Europäer war, erstmals in einem Europäischen Staatsakt verabschieden könnten.

Dies gab Jean-Claude Juncker, der faktische EU-Regierungschef in der Sonntagszeitung „Bild am Sonntag“ (BamS) bekannt.

Der Europäische Staatsakt zu Ehren von Dr. Helmut Kohl soll in Elsass-Lothringens Straßburg stattfinden. Hier ist eigentlich nur der Straßburger Dom eine angemessene Kulisse. Ebenso natürlich das moderne Europaparlament am Stadtrand.

Elsass-Lothringen war über Jahrhunderte Bestandteil Deutschlands. Es musste aber nach dem Ersten Weltkrieg 1919 im Rahmen des Versailles Vertrages auf Erlass der Siegermächte, also von Frankreich, Großbritannien, USA und Russland, an den damaligen Erzfeind Frankreich abgetreten werden.

Noch heute sprechen Zehntausende Elsässer auf Grund der langen Bindung an Deutschland, Deutsch.

Ähnlich wie den Hunderttausenden Deutschen im Elsass, war es den rund zwei Millionen Deutschen im Sudetenland in Tschechien ergangen. Auch das Sudetenland war auf Grund des Versailler Vertrages von den Tschechen annektiert worden. Viele Deutsche wurden verjagt oder enteignet.

Der Versailles Vertrag, der weniger ein Friedensvertrag war, als vielmehr ein historisch katastrophaler Knebel- und Ausbeutervertrag für Deutschland und Österreich, gilt historisch als ursächlich für den wenige Jahre folgenden verheerenden Zweiten Weltkrieg in Europa.

Aufgesetzt worden war der Versailler Knebelvertrag unter Protest der USA vor allem von Frankreich, Großbritannien und Russland. Die USA, aber auch Politiker in Großbritannien, hatten früh gewarnt, der Versailles Vertag könne den Grundstein zum nächsten großen Weltkrieg legen.

Der nun verstorbene Einheitskanzler Kohl ist ohne einen Rückblick auf Europas verheerende zwei Weltkriege im 20. Jahrhundert nicht zu denken.

Denn es war Kohls Leitmaß, dass er als Politiker alles tun wollte, dass es niemals wieder solch alles vernichtende Kriege auf europäischen Boden geben sollte. Dazu war es notwendig, dass die Erzfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland und Großbritannien beigelegt wurde.

Viele sind sich heute einig: Ohne das beherzte Zugreifen von Kohl im Jahr 1990 hätte es die deutsche Einheit, wie sie heute besteht, wohl auch die europäische, so nie gegeben.

Selbst Gregor Gysi, der seit bald 30 Jahren im deutschen Bundestag für „Die Linke“ sitzt, zollte Kohl Respekt.

So sagte Gysi, auch er sei „ein bisschen traurig“ über den Tod Kohls. Der ehemalige russische Staatschef Michael Gorbatschow erklärte wiederum angesichts des Todes von Kohl, mit ihm gehe ein großer europäischer Staatschef. Gorbatschow hatte im Rahmen seines in den 1980er Jahren aufgesetzten Glasnost-Programms die Sowjetunion 1990 formal aufgelöst.

Es war aber auch ein Glück der Geschichte, dass Kohl in dem Russen Gorbatschow einen freundschaftlich Verbündeten hatte, der obendrein noch mit sehr viel Macht ausgestattet war.

Immerhin war Gorbatschow von März 1985 bis August 1991 Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Zudem führte er von März 1990 bis Dezember 1991 als russischer Staatspräsident die Geschicke Osteuropas.

Fakt ist: Ohne das russische OK hätte es die deutsche Einheit nicht gegeben und damit die EU nicht in der Form, wie sie heute existieren kann.

Helmut Kohl war in seiner geliebten Pfalz am Freitag mit 87 Jahren nach langer Krankheit und an den Rollstuhl gefesselt gestorben.

Rheinland-Pfalz ist das Bundesland, in welchem Kohl politisch an Profil von Jahr zu Jahr zulegte, ehe er 1982 Bundeskanzler wurde.

In der Pfalz empfing Kohl stets gerne die Großen der Welt. Dazu gehörte beispielsweise Königin Elisabeth II von Großbritannien. Sie bewirtete er im berühmten Deidesheimer Hof, wo noch heute Fotos von der historischen Zusammenkunft zeugen.

Selbst US-Präsident Ronald Reagan konnte Kohl davon überzeugen, sich die Pfalz anzuschauen – und nicht nur Deutschlands (alte) Hauptstadt Bonn.

EU-Kommissionspräsident Juncker, der nun den ersten Europäischen Staatsakt für Kohl vorgeschlagen hat, führte gegenüber der „Bild am Sonntag“ aus:

„Schon zu Lebzeiten wurde Helmut Kohl mit der Ehrenbürgerschaft Europas ausgezeichnet, um seine außerordentlichen Verdienste zu würdigen… Deshalb gebührt Helmut Kohl nun auch ein europäischer Staatsakt, für den ich mich persönlich einsetzen werde.“

Es ist das erste Mal, dass ein europäischer Staatsakt für einen verstorbenen Politiker ausgerichtet wird. Gleichzeitig dürfte damit Kohls Legende, die schon heute als Jahrtausendlegende gilt, weiter zementiert werden.

Kohl – eine Art Nachfolger von Karl dem Großen, dem ersten Herrschers eines Grenzen überschreitenden europäischen Einheitsreiches.

Neben Kohl gilt der französische Staatschef François Mitterrand, der von 1981 bis Mitte 1995 französischer Staatspräsident war, als der weitere wichtigste Architekt der Europäischen Union heutigen Zuschnitts.

Nach dem Europäischen Staatsakt solle Kohls Leichnam mit einem Schiff über den Rhein nach Speyer gebracht werden, heißt es bislang.

Speyer: Das ist ebenfalls eine Region mit historisch-politischer Tiefe, die in Deutschland recht einmalig ist. Denn Speyer ist die berühmteste deutsche Kaiserstadt. Im Speyrer Dom liegen Generationen deutscher Kaiser beerdigt.

Hier also, an keinem geringeren Ort, im 1000 Jahre alten Speyer Dom, solle es eine Totenmesser für Kohl geben.

Die Verdienste von Kohl für ein friedliches vereintes Europa gelten weltweit als unbestritten. Für Europa akzeptierte Kohl sogar, dass die Deutschen auf ihre geliebte Deutsche Mark verzichteten.

Die DM war immerhin über Jahrzehnte eine Leitwährung auch für andere Nationen. Gemeinsam mit Frankreichs Mitterand schaffte Kohl den Euro – unsere heutige Währung.

Nach der öffentlichen Totenmesse im Dom zu Speyer werden engste Freunde und die Familie Abschied von Kohl nehmen. Zu den engsten Freunden dürfte unter anderem Deutschlands Finanzminister Dr. Wolfgang Schäuble zählen.

Ein konkretes Datum für den Europäischen Staatsakt für Kohl gibt es derzeit noch nicht.

Neben Hunderten politischer Wegbegleiter dürfte derzeit vor allem Kohls langjährige Lebenspartnerin Mike Kohl-Richter leiden.

Sie hatte Helmut Kohl 2008 geheiratet. Doch als ewige First Lady geht Hannelore Kohl in die Geschichte ein. Sie hatte sich nach einer schweren Lichtkrankheit in einer Tragödie 2001 das Leben genommen. Kohl hinterlässt zudem seine beiden Söhne Peter Kohl und Walter Kohl, mit denen er sich aber zerstritten hatte.

Ungewöhnlich: Derzeit soll Kohl angeblich in seinem langjährigen Privathaus in Ludwigshafen-Oggersheim aufgebahrt sein.

Erst vor zwei Jahren, 2015, ist ein anderer großer deutscher Kanzler gestorben – Helmut Schmidt (SPD). Schmidt wurde fast zehn Jahre älter als Helmut Kohl und zwar 96.

Im Gegensatz zu Kohl war Schmidt bis weit über 90 noch fit. Helmut Schmidt arbeitete bis kurz vor seinem Tod mit großer Leidenschaft als Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Allerdings kann Schmidt historisch nicht an Kohl heranreichen. Dies liegt vor allem an dem Umstand, dass die Berliner Mauer eben 1989 zu Kohls Regentschaft gefallen ist, und zwar kurz nachdem Gorbatschow untersagt hatte, dass die DDR-Volkspolizei oder die DDR-Militärs dagegen vorgehen dürfen.  Insofern haben die Deutschen dem Russen Gorbatschow mindestens so viel zu verdanken, wie Kohl.



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