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Donnerstag, 17. September 2020

Welt-Pussy-Krise im Medien-Spiegel: Zwei Jahre Lagerhaft für Pussy Riot in Russland

Man reibt sich verwundert die Augen: Zwei Jahre Lagerhaft für drei russischen Mädchen der bislang im Westen komplett unbekannten Band „Pussy Riot“ für einen aus Sicht der Kleriker Russlands unakzeptablen Läster-Auftritt gegen Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Das ist das Thema der Weltpresse – zumindest im Westen. Kriegsberichterstattung.com wirft einen Blick auf die Titelseiten der Tageszeitungen.

Wir möchten vorweg sagen: In Saudi-Arabien oder der Türkei hätten Auftritte, die die Regierenden in einer Moschee der Veralberung preisgegeben hätten, für ähnlich harte oder noch härtere Urteile gesorgt. Interessant ist: Warum jucken harte Urteile gegen Regierungskritiker in diesen Ländern niemanden in den West-Medien, in Russland aber schon? Blick in die Presse zur Welt-Pussy-Krise.

Schlägt man derzeit die West-Presse auf, glaubt man, wichtiger als alle Finanzkrisen der Welt, sei das als zu hart empfundene Urteil gegen eine feministische Mädchenband aus Russland, die ja schon in Namen deutlich macht, für was sie steht: Für Aufruhr, für Provokation, für das „Wir zeigen es den Arschlöchern da oben“. Jedenfalls ist ein Bandname mit den Worten „Pussy Riot“ eine klare Kampfansage.

Dieser Aspekt geht in den westlichen Medien komplett unter. Auch, dass die Mädchen ihre Kritik ja eben nicht auf einem Konzert kundtaten, sondern ausgerechnet eine der wichtigsten russisch-orthodoxen Kirchen in Moskau stürmten, um dort auf der Empore den Betenden ihre sarkastische Anti-Putin-Litanei kundzutun. Das hatte aber weniger Putin verärgert, als vielmehr die mächtige Russische Kirche und Millionen russischer Gläubiger. Dass das Urteil dennoch völlig überzogen ist, dieser Meinung schließt sich kriegsberichterstattung.com, das pazifistische Online-Magazin, an.

Das Resultat des Urteils kennen wir: Auf fast allen Titelseiten der westlichen Tagespresse erfahren wir die Geschichte von drei Mädchen, die letztlich grinsend auf einer Anklagebank im Russischen Gerichtssaal sitzen und frech und keck der russischen Justiz zeigen: Wir haben keine Angst vor Euch. Wir machen weiter. Und die letztlich dafür nun ein sehr hartes Urteil bekommen haben – von der russischen Justiz, nicht von Putin.

So machte der „Berliner Tagesspiegel“ am Wochenende seine Zeitung mit der Schlagzeile auf, „Zwei Jahre Lagerhaft für Pussy Riot“ (einspaltig). Daneben wird ein dreispaltiges Foto von den Pussys abgedruckt. Alles ist im Berliner Tagesspiegel über Bund abgedruckt. So nennt man das Platzieren von Artikeln direkt auf der oberen Zeitungsseiten-Hälfte.

Auch die sonst nicht über Pussys schreibende Tageszeitung „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ist mit einer vierspaltigen Titelseiten-Geschichte dabei, inklusive großem Foto. Keine Titelseitengeschichte erreicht das Urteil aus Russland auf der US-Zeitung „The Wall Street Journal“ des Medientycons Rupert Murdoch. Hier beschäftigen sich die Redakteure mit einer Schießerei in einer Miene in Südafrika („South Africa Laber Unrest Spurs Deadly Gun Battle“).

Auch die „Financial Times Deutschland“ verbannte die Pussy-Riot-Geschichte am Wochenende auf die zwei Seite. Die Schlagzeile dort: „Putins nächste Pussycat“. Wir sehen ein Foto von einer aggressiven Frau, die den Mund weit aufgerissen hat und dominant einen Finger ins Nirwana der politischen Geschehnisse zeigt.

Es geht um eine eigentlich unbekannte Frau namens „Jewgenija Tschirikowa“. Doch auch hier funktionieren die West-Medien so, wie bei vielen tatsächlichen oder vermeintlichen Skandalen oder Skandälchen aus Russland: Die Prominenz einer Person spielt keine Rolle, so lange man nur Russland immer wieder eine reinwürgen kann. Besonders natürlich Putin. Dass Putin von Millionen Russen auch verehrt wird, das wird fleißig ignoriert. Es kann nicht sein, was man im Westen glaubt, dass es nicht sein darf.

Auch die „Berliner Zeitung“ macht mit einem Titelseiten-Foto von den Pussys auf. Vier Spalten. Direkt unter dem Zeitungs-Logo. Die Schlagzeile über den Mädchen: „Zwei Jahre Lagerhaft“. Je öfters man das mit der Lagerhaft liest, desto mehr fragt man sich: Ist das Wort „Lagerhaft“ eher eine Kritik am Urteil oder ein Aufgeilen an der Vorstellung, dass drei junge Frauen in einem Lager schuften müssen und in Haft sind?

Etwas dezenter geht die „Süddeutsche Zeitung“ am Wochenende in den Pussy-Ring. Die Aufmacher-Geschichte ist über Bund eine Geschichte zu Kokain und der „Macht der Droge“ sowie der verlorene Kampf dagegen. Die Pussys müssen mit einem unteren Seitenplatz vorlieb nehmen. Dennoch reicht es auch hier immer noch für eine zweispaltige Geschichte („‚Pussy Riot‘ muss in Lagerhaft“) und – wie in fast allen anderen erwähnten Zeitungen – mit ausführlichen weiteren Berichten und Kommentaren im Innenteil der Zeitung.

Richtig dicke langt auch die US-Zeitung „International Herald Tribune“ zu. Sie erschlägt am Wochenende den Leser mit einem vierspaltigen Riesenfoto über Bund auf Seite eins. Wir sehen eine Frau, vermummt mit einer roten Kampfmaske. Darunter steht: „Showing solidarity. Supporters of the women’s punk band Pussy Riot demonstrating Friday in Edinburgh…“.

Auch für die Bundesausgabe der „Bild-Zeitung“ hat die Pussy-Geschichte alles, was gute Geschichten ausmachen: Der böse Wolf reißt das Unschuldslamm. Entsprechend ist die Schlagzeile über Bund auf Seite eins „Weltweiter Protest gegen Putin. 2 Jahre Lagerhaft für ‚PUSSY RIOT'“. Zudem bekommen die verurteilten politischen Aktivistinnen noch fast eine halbe Seite Zwei. Hier kommt dann ein ganz neuer Aspekt hinzu: „Die größte Angst haben sie um ihre Kinder“.



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