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Donnerstag, 21. Oktober 2021

Terrororganisation FARC in Kolumbien: Warum geht die NATO nicht gegen die Guerilla-Massenmörder vor?

Ein Spielfilm auf RTL II hat es am Freitag Mitte September schön auf den Punkt gebracht: Die FARC ist die reichste und am besten militärisch ausgerüstete Terrororganisation der Welt. Ihr Geld macht sie mit Kokain, Erpressungen, Entführungen, Morden. Tausende wurden von ihr ermordet, Hunderte entführt. Und was macht der UNO-Sicherheitsrat oder die politischen Großmäuler aus Frankreich oder Großbritannien, die immer nur in Ölländern einmarschieren möchten – wie Libyen, Syrien, Iran? Nichts. Bislang könnte der Kampf zwischen der linksgerichteten FARC und der Regierung Kolumbiens nach Schätzungen bis zu 200.000 Tote in den vergangenen 50 Jahren gekostet haben.

Das Stillhalten hat zahlreiche Gründe: Zum einen ist Kolumbien geopolitisch einfach zu uninteressant. Zum anderen ist es kein wichtiges Ölland. Und zum Dritten bezeichnet zwar die Europäische Union (EU), ebenso wie die USA oder Kanada, die FARC als Terrororganisation, aber aus EU-Sicht scheint der Terror denn doch nicht so umfangreich zu sein, als dass man das westliche Kriegsbündnis NATO hier einmal wieder bemühen möchte. Dabei hat die FARC wesentlich mehr Menschen auf dem Gewissen, als beispielsweise der mit Hilfe der NATO im Jahr 2011 von islamischen „Rebellen“ ermordete langjährige libysche Staatschef Muhammed al Gaddafi.

Ein weiterer Grund, warum die internationale Gemeinschaft, die sich zu regelmäßigen Meinungsaustauschen in der UNO in New York trifft, die FARC bislang mehr oder weniger in Ruhe gelassen hat, mag darin liegen, dass die FARC keine Terrororganisation ohne demokratischen Ziele wäre. Vielmehr sieht sich die FARC als marxistische militärische Untergrundorganisation, die auch zum Wohle des Volkes kämpfe.

Das tat sie zwar auch immer mal wieder – indem sie Hunderte Millionen Euro spendete, aber oft waren die Spenden an Bedingungen geknüpft: Geld gegen Stillschweigen. Geld gegen totale Unterwerfung. Dass das funktionierte, lag wiederum am absoluten wirtschaftlichen und sozialen Versagen des kolumbianischen Staates. Ihm sind Sozialgesetzte egal. Die Armut bekommt die kolumbianische Regierung seit Jahrzehnten nicht in den Griff. Das war einer der Gründungs-Ursprünge für die FARC.

Hinzu kommt: Die kolumbianische Führungselite aus Politik und Wirtschaft, auch innerhalb der Militärs, ist berühmt-berüchtigt – besonders dafür, dass viele an den Schalthebeln Kolumbiens korrupt seien. Der Kampf gegen die Korruption ist aber auch ein Ziel der FARC. Doch längst ist aus einer einstigen sozialen Kriegs-Bewegung eine geworden, der man nachsagt, dass sie vor allem im Drogenhandel mit Kokain zentrale Fäden ziehe. Doch den Drogenhandel benötigt sie wiederum, um ihre militärische, soziale und politische Struktur finanzieren zu können. Zudem leben zehntausende Familien von den Drogen-Einnahmen der FARC.

Und auch die kolumbianischen Militärs haben Zehntausende unschuldige Zivilisten in den vergangenen Jahren während ihres Kampfes gegen die FARC, die sich selbst als „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ sieht, brutal umgebracht – oft auch mit Luftangriffen.

All das macht die FARC zu einer komplexen politischen Herausforderung. Zwar unterstützen die USA das kolumbianische Militär jährlich mit rund einer Mrd. US-Dollar, doch ist das bei weitem zu wenig, um Kolumbien militärisch Zwangs zu befrieden. Doch vielleicht möchte man das auch gar nicht, ebenso wie die EU keinen NATO-Eingriff im strategisch eher unwichtigen Land Kolumbien möchte. Zwar ist auch Syrien ein eher kleines Land aus Sicht der NATO, der EU und der USA – doch es ist direkt an der europäischen Grenze, genauer gesagt, an der türkischen Grenze. Zudem war Syrien einst französische Kolonie und steht traditionell stärker im Fokus Europas.

Obendrein ist es ein Ölland und ein enger Verbündeter der einstigen Erzfeinde des Westens, Russlands sowie Chinas und obendrein des Irans. Syrien ist sozialistisch und es gab zu Zeiten des West- und Ostblocks vor 1990 auch sehr enge Beziehungen zwischen der DDR und Syrien. So gibt es aus dieser Zeit heraus noch sehr enge Kontakte zwischen vielen Ost-Deutschen und Syrien. In Leipzig gibt es beispielsweise eine syrische Gemeinde. Aus Sicht des Westens ist aber alles Sozialistische suspekt. Auch Libyen war ein reiches Ölland (das reichste in Afrika) und obendrein sozialistisch angehaucht. Die Ablehnung gegenüber allem Westlichen gipfelte in Libyen darin, dass sogar englisch verboten war und an den Schulen nicht grundsätzlich gelehrt wurde.

Das alles trifft aber auf Länder wie Kolumbien nicht zu. Das heißt: Es geht dem Westen in seiner neuen Tendenz, kriegerisch in andere Länder, überwiegend islamische Länder, gewaltsam zu intervenieren, in der Regel nicht wirklich um die Einführung von Demokratie, sondern um die gewaltsame Begleichung alter offener Rechnungen. Das wird aber offen nie angesprochen. Doch es hilft, zu verstehen, warum es den mächtigen West-Politikern letztlich völlig egal ist, dass in kriegerischen Kämpfen zwischen der sozialistischen FARC und der Regierung Kolumbiens wesentlich mehr Menschen umkamen, als im bisherigen syrischen Bürgerkrieg (der maßgeblich von der islamischen Terrororganisation „Freie Syrische Armee“ geführt wird). UNTEN KLICKEN ZUM WEITERLESEN

Nun möchte die FARC jedenfalls aktiv daran arbeiten, dass es endlich im zerrissenen Land Kolumbien zu Friedensgesprächen zwischen den rund 18.000 bis 45.000 FARC-Kämpfern kommt und der kolumbianischen Regierung.

Damit die Kommunikation einfacher ist, richtete sich Timoleón Jiménez, der neue FARC-Führer, ganz modern einen Twitter-Account ein. Es scheint, als habe er einigen jungen Einfluss um sich herum. Jiménez ist seit dem 5. November 2011 FARC-Chef und trat die Nachfolge von Alfonso Cano an. Dieser war am 4. November 2011 im Zuge einer Militärkampagne der Regierung Kolumbiens getötet worden – wie schon einige seiner Vorgänger auch.

Ausfindig gemacht werden die FARC-Führer meist durch logistische Drohnen-Hilfe der USA sowie durch geschmiertes Umfeld der FARC-Führer. Es kam auch schon vor, dass FARC-Leibwächter ihren eigenen Chefs GPS-Peilsender in die Stiefel montierten, mit deren digitaler Hilfe eine Eliminierung militärisch sehr simpel wurde.

Doch eines zeigt sich seit Jahren, ja seit bald 50 Jahren klar: Mit purer Gegengewalt und Tötungen der Anführer, ist der FARC, die in vielen Dörfern und Gemeinden auch großen Rückhalt genießt, nicht beizukommen. Dass die FARC aber möglicherweise es jetzt wirklich ernst meint mit einer nachhaltigen Waffenruhe und Friedensgesprächen, zeigt der Online-Twitter-Account im Internet, des seit bald einem Jahr im Amt befindlichen neuen FARC-Chefs Jiménez.

Sein Name dort: @timochenko_FARC. Er hat bereits 2.667 Followers – darunter aber auch: Davila vicky, eine schöne kolumbianische Reporterin. Ihr Twitter-Account lautet @vickydavilalafm. Ein weiterer Follower ist Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos höchstpersönlich (@JuanManSantos).

Allerdings dürften sowohl die Journalistin als auch der Präsident nicht aus Sympathiegründen dem Guerilla-Chef folgen, sondern man darf das getrost als „Verfolgung“ ansehen. Sprich: Sie möchten, dass Jiménez endlich gefasst wird. Doch das dürfte schwer sein. Obwohl seit Jahren Millionen Euro auf die Führungsköpfe der FARC ausgesetzt sind, wurden viele auch nicht verraten. Obendrein gleichen Festnahmen oder Tötungen der FARC-Führungselite häufig dem Abschlagen eines Hydra-Kopfes: Nach einem Regierungssieg folgten zehn anderen Köpfe als Nachfolger im FARC-Führungsstab.

Mittlerweile hat der Terror-Chef der marxistischen FARC drei Tweets abgesetzt. Sie sind im Kontext der bisherigen neuen „Friedensbemühungen“ der FARC mit der kolumbianischen Regierung zu sehen. In seinem ersten Twitter schrieb der FARC-Chefkrieger angesichts der stockenden „Friedensverhandlungen“ zwischen der FARC und der kolumbianischen Regierung: „Gesamt Kolumbien entscheidet zwischen dem Frieden mit sozialer Gerechtigkeit, die wir bieten und dem unendlichen Krieg, den Santos gestern beschlossen hat. Wir werden gewinnen.“

Die Original-Twitter-Nachricht lautete: „Colombia entera decidirá entre la paz con justicia social que planteamos y la guerra infinita decretada ayer por Santos. Venceremos.“ Auf diese erste Twitter-Nachricht antworten ihm immerhin 81 Personen in sogenannten „Re-Tweets“. Eine junge Frau fragt zum Beispiel: „Und wie wissen wir, ob Ihre Versprechungen real sind?“

Eine Woche später Twittert der Guerilla-Chef erneut und zwar am 12. September 2012. Der Text lautet dieses Mal: „Laut Santos wird es bald Frieden geben. Sehr schnell werde der Staatsterror aufhören, das Land würde demokratisiert, die Armut würde zu Ende sein und es würde für Mitglieder der FARC Straffreiheit geben.“ Die Original-Nachricht lautete auf Spanisch: „Según Santos habrá pronta paz. Muy rápido terminará el terror de Estado, democratizará el país y acabará con la pobreza y la impunidad.“ Auf diese Meldung wiederum erbittet ein Twitterer vom FARC-Chef, dieser möge sich doch mit ihm bitte in Verbindung setzen, er bräuchte bei einem „Geschäft“ Hilfe.

In einer weiteren Twitter-Nachricht vom gleichen Tag, also dem 12. September 2012, verkündet der FARC-Chef Timoleón Jiménez wenig Verständliches: „Diana Calderon schade! Es ist nicht wahr la Chiva auf Carlos Antonio und Paul am Tisch Gespräche. Hinweis an Rubén Zamora.“

Auf der Homepage der FARC ist unter FARC-ep.co/?p=1671 in einer circa dreiseitigen teils etwas schwülstig formulierten politischen Stellungnahme zu lesen, was sich die FARC wünscht: Frieden, Freiheit und auch keine Strafverfolgung für seine Mitglieder, eine Beendigung der Massenarmut in Kolumbien, soziale Gerechtigkeit, Bildungschancen für alle, wirtschaftliche Stützungen von kleinen Firmen, damit die zahlreichen Bankrotts vor allem von kleinen Selbstständigen aufhöre. Das politische Statement ist im Internet auf Spanisch veröffentlicht, kann aber mit den gängigen automatischen Übersetzungsprogrammen beispielsweise über den Internet Explorer oder dem Chrome Browser in Sekunden übersetzt werden.

Als Moderatoren zwischen der FARC und der Regierung Kolumbiens haben sich Cubas Revolutionsführer Fidel Castro eingesetzt als auch das „Königreich Norwegen“. Bei beiden bedankt sich die FARC auf ihrer Homepage ausdrücklich. Dennoch spielt Kolumbiens Präsident ein gefährliches Spiel: Fast wöchentlich lässt er mit Raketen- und Bombenangriffen Dutzende FARC-Kämper, darunter viele Jugendliche, umbringen.



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