Einzelhaft in Israel: 63.000 Stunden saß ein Münchner Palästinenser ein / Nur 30 Minuten Freigang, kein TV, kein Radio

Rund 7.500 Palästinenser sitzen in Israel im Gefängnis. kriegsberichterstattung.com hat sich mit einem ehemaligen Gefangenen getroffen und sich die Zustände erklären lassen.

kriegsberichterstattung.com: Sie haben zwischen Ihrem 24 und 31. Lebensjahr in den 90er Jahren 7,5 Jahre in Israel in Kriegsgefangenschaft in einem Gefängnis gesessen. Wie war die Zeit für Sie?

Schrecklich. Aber es war Krieg. Ich kämpfte in der PLO von Arafat, also der Palästinensischen Befreiungsorganisation im Süd-Libanon gegen die Israelis, die das Gebiet mit Panzern besetzt hatten und bis heute wie ein besetztes Gebiet behandeln.

Und was haben Sie dort konkret getan?

Ich habe Panzer mit einer Panzerfaust abgeschossen.

Also haben Sie Menschen umgebracht?

Nein. Ich habe niemals Menschen umgebracht. Nur Panzer die unser Land besetzt halten. Ich bin libanesischer Palästinenser.

Wie das?

Meine Eltern wurden 1948 von den Engländern und Juden vertrieben. Sie hatten den Staat Israel auf unserem Grund und Boden gegründet. Meinen Eltern wurde alles genommen. Sie wurden niemals gefragt und auch mit nichts entschädigt. Es kamen damals einfach Soldaten die gesagt haben: Verschwindet. Seitdem ist der Hass in unserer, aber auch Hunderttausenden palästinensischen Familien die ähnlich vertrieben wurden, groß.

Und wie sind Sie zur PLO gekommen?

Ist doch klar dass der Hass auf die Juden bei Arabern groß ist. Die sind einfach gekommen und haben uns alles genommen. Das vergisst man nicht in Jahrzehnten. Ich kannte nichts anderes als Hass. Ich bin mit Anfang 20 zur PLO gekommen und wollte Israel wenigstens aus dem Süd-Libanon vertreiben. Israel kann doch tun und machen was es will. Der Westen deckt alle Kriegsverbrechen dieses Landes.

Wie war Ihre Kriegsgefangenschaft?

Klar war es schrecklich. Aber es ist überall auf der Welt in Kriegsgefangenschaft schrecklich.

Sind Sie gefoltert worden von den Israelis?

Körperlich bin ich nicht gefoltert worden.

Aber?

Ich hatte nur eine Zelle, die 2,5 Meter mal 2 Meter groß war. Ein schmales Bett, eine Toilette, ein Waschbecken. Ich durfte in all den mehr als sieben Jahren niemals Fernsehen schauen. Ein Radio bekam ich in den ersten acht Monaten auch nicht. Danach durfte ich zumindest zeitweise ein paar Stunden Radio hören.

Und was haben Sie den ganzen Tag gemacht? Ich war in Einzelhaft. Einzelhaft heißt Einzelhaft. Das heißt: Ich durfte in 24 Stunden nur 30 Minuten aus der Zelle. Das hat sich in den fast 8 Jahren niemals geändert. Das heißt: Ich musste 23,5 Stunden am Tag alleine in der Zelle sitzen ohne Fernseher, ohne Telefon, ohne Menschen, mit denen ich sprechen konnte. Das entspricht rund 63.000 Stunden Haft.

Oh Gott. Das klingt schrecklich. Absolut unmenschlich. Was empfinden Sie jetzt gegen Israel?

Es kommt drauf an. Manchmal empfinde ich tiefen Hass. Dann empfinde ich wieder gar nichts.

Sie wirken gebrochen. Ihr Gang ist gebückt. Sind das Spuren der Haft?

Kann sein. Ich mache mir darüber keine Gedanken. Ich bin jetzt über 40. Krieg ist immer schrecklich. Im Krieg verliert man die moralischen Maßstäbe. Man weiß nicht mehr, was richtig und falsch ist. Man ist kein Mensch mehr, man kämpft nur noch, kämpft ums eigene Überleben gegen den Feind. Die Moral spielt da keine Rolle mehr. Es verschiebt sich alles, auch die Wahrnehmung über sich und die Menschen. Krieg ist ekelhaft. Das schlimmste, das es gibt.

 

Wie sah denn Ihr Alltag in der israelischen Kriegsgefangenschaft aus?

Langweilig. Ich musste ja 23,5 Stunden jeden Tag alleine in der Zelle hocken. Und das 7,5 Jahre lang. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitswesen. Ich gewöhnte mich daran. Immerhin durfte ich was lesen. Und eines muss man den Israelis sagen: Sie haben eine vorzügliche Küche auch für die Gefangenen. Außerdem haben sie mit die besten Ärzte auf der Welt. Im Gegensatz zu Deutschland. Hier gibt es die schlechtesten Ärzte weltweit.

Warum denn das?

Ich kann nur sagen: Als Ausländer in Deutschland kommt man oft an die schlimmsten Ärzte die es auf dem Erdball gibt. Ein Freund von mir hatte den Grünen Star. Syrische Ärzte und Palästinensische Ärzte hatten gesagt, mach ja keine Operation, dein Augendruck hält das nicht aus. Deutsche Ärzte sagten in Berlin das sei quatsch. Sie operierten den Palästinenser. Heute ist er blind. Mit Mitte 30. Er sitzt in Berlin und möchte sich umbringen. Darüber hat auch die BZ, die Zeitung, geschrieben.

Das klingt wirklich böse.

Ist es auch. Deutsche Ärzte sind wirklich mit die schlechtesten weltweit. Das sieht man doch schon an den Wartezimmern. Die sind immer voll. So was gibt es weltweit nirgends. Deutsche Ärzte können einfach nicht heilen. Die verschreiben immer nur irgendwas, aber das macht die Menschen nicht gesund. Die besten Ärzte sind in Ägypten, Pakistan, Syrien, Israel.

Kennen Sie noch einen weiteren Fall von solch schlechter Arztbehandlung in Deutschland?

Ja. Ein Freund von mir, er ist auch Palästinenser, hatte einen Bandscheibenvorfall. Die Ärzte wollten ihn in Berlin unbedingt operieren. Heute sitzt er im Rollstuhl. Nein. Ich bleibe dabei. Deutschland hat die schlechtesten Ärzte. Das ist echt ein Skandal.

Kommen wir bitte noch einmal zu Ihrer Einzelhaft in Israel zurück. Hatten Sie denn nie Abwechslung dort, Gespräche mit den anderen Gefangenen, vielleicht mal Spieleabende?

Nein. Nie. Ich durfte nur zwei Mal die Woche noch für jeweils 20 Minuten duschen. Dabei hatten dann drei Aufpasser Wache gestanden. Reden auf dem Hof war während meiner 30-minütigen Ausläufe auch nicht erlaubt.

Und jetzt leben Sie in Deutschland. Sind sie froh?

Ja, klar. Ich kam bei einem Gefangenenaustausch frei. Eigentlich wollten mich die Israelis lebenslang – also rund 60 Jahre – in Einzelhaft einsperren. Das machen die mit Hunderten Palästinensern. Das regt im Westen niemanden auf. Jetzt bin ich aber zum Glück seit über 10 Jahren in Deutschland.

Haben Sie Angst wieder zurück in den Libanon geschickt zu werden?

Nein. Ich habe eine lebenslange Asylberechtigung. Auch leben meine Kinder in Deutschland und sind auch Deutsch. Da können die mich nicht zurückschicken. Außerdem: Viel schlimmer, als das was ich da unten erlebt habe, kann es nicht mehr werden. Wenn es so ist dass ich zurück muss, ist das halt so. Wovor soll ich noch Angst haben?

Hat man Ihnen schon einmal die deutsche Staatsbürgerschaft angeboten?

Ja. Aber ich will sie nicht. Mein Herz ist Palästinenser. Meine Heimat ist Palästina, Libanon. Ich bin ein Vertriebener heute wie meine Eltern. Ich bin sehr froh, dass ich hier in Deutschland leben darf. Aber meine Heimat kann ich nicht verraten.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

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