54 tote Deutsche: ZDF zeigt Bundeswehr Doku Krieg Afghanistan

In einer Dokumentation mit dem Titel „Unser Krieg. Kampfeinsatz in Afghanistan“ zeigte das ZDF zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr am 22.10. Teil II rund um das Sterben deutscher Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Autoren des Beitrags sind Michael Renz und Christian Deick. Tragisch: 54 junge Deutsche mussten als Bundeswehrsoldaten am Hindukusch bislang ihr Leben lassen – auch da der Deutsche Bundestag die Armee zu schlecht ausstattete. 54 Leben für einen sinnlosen Krieg – und das deutsche Bundesparlament hat mit Schuld. Der Afghanistan-Krieg ist der erste Offensiv-Krieg in den Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkrieges verwickelt ist.

Eine Stimmen die im ZDF zu Wort kommt, ist jene von Tanja Menz. Ihr Sohn Konstantin fiel am 18. Februar 2011 einem feigen Anschlag eines 19-Jährigen afghanischen Soldaten zum Opfer, welcher eigentlich zusammen mit der Bundeswehr in Afghanistan gegen die Taliban hätte kämpfen sollen. Der Attentäter habe „wohl seit Monaten auf eine günstige Gelegenheit gelauert“, so das ZDF.

Zusammen mit Konstantin Menz sterben bei dem Anschlag in Afghanistan am 18. Februar 2011 zwei weitere deutsche Soldaten. In zwei Wochen, berichtet das ZDF, hätte Konstantin Menz, Anfang 20, eigentlich wieder zurück nach Deutschland kommen sollen. Mutter Tanja Menz erzählt, als es damals an ihrer Türe geklingelt habe, habe sie sofort gewusst, dass ihr Sohn in Afghanistan gefallen sei.

Soldaten der NATO in Afghanistan: Sie leben häufig unter einfachsten Bedingungen und größten Gefahren – in einfachsten Zelten und zum Duschen habe es manchmal nur eine Flasche Wasser gegeben, berichtet das ZDF in seiner aufsehenerregenden und schmerzlichen Dokumentation.

Doch jener 18. Februar 2011 ist nicht der einzige tragische Tag für die Bundeswehr in Afghanistan. Ein Wendepunkt für die Bundeswehr sei der 3. September 2009 gewesen, sagt das ZDF.

An diesem Tag halten sich Taliban mit zwei gestohlenen Tanklastern – „rollende Bomben“ – in der Nähe des Lagers der Bundeswehr in Kundus auf. „Für den deutschen Befehlshaber Oberst Georg Klein beginnt die schwerste Nacht seines Lebens“, führt das ZDF in den für die Bundeswehr entscheidenden Wendepunkt des Afghanistan-Krieges ein.

Marc Lindemann, Nachrichtenoffizier in Afghanistan erzählt, warum: Oberst Klein habe einen amerikanischen Piloten einen Fliegerangriff auf die Tanklaster befohlen, da er dieses als „ultimo Ratio“ angesehen habe, als letzte Option um einen möglichen und wahrscheinlichen Terrorangriff auf das Lager der Bundeswehr in Afghanistan zu verhindern.

Tragischer Tag in Kundus

Der Angriff, sagt Lindemann, sei auch völkerrechtlich in Ordnung gewesen, da das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Taliban-Kämpfern und zivilen Bürgern „angemessen“ gewesen sei. Dies bedeutet: Es seien so viele Taliban vor Ort an den Tanklastwagen gewesen, dass ein militärischer tödlicher Angriff völkerrechtlich erlaubt gewesen sei – selbst wenn dabei Zivilisten sterben würden. „So brutal das ist“, sagt der Bundeswehr-Nachrichtenoffizier. Zudem habe es sich um eine einmalige Möglichkeit gehandelt, dass sich die Bundeswehr aktiv verteidigen habe können, da ansonsten die Angriffe „immer der Gegner bestimmt“ habe – also die Taliban-Terroristen.

Am nächsten Morgen nach dem Befehl zum Luftangriff durch Oberst Klein wurden die Leichen rund um die Tanker geborgen – 60 bis 140 lauteten die Schätzungen, so das ZDF. Die Taliban selber sprechen von 74 Toten, welche man heute als „Märtyrer“ ansehe.

Die meisten Toten seien aber keine Talibankämpfer gewesen, sondern Bewohner der umliegenden Dörfer, stellt sich später heraus. Darunter seien auch Frauen und Kinder gewesen. Dieser Angriff sei der blutigste Luftangriff der vergangenen 10 Jahre in Afghanistan gewesen, heißt es später. Für die Bundeswehr eine Tragödie.

Der amerikanische Oberbefehlshaber in Afghanistan habe daraufhin zwar verletzte Afghanen besucht, nicht aber verletzte Bundeswehrsoldaten, schildert das ZDF in seiner Kriegs-Dokumentation zu Afghanistan. „Dieses Verhalten war auch unter kameradschaftlichen Aspekten nicht in Ordnung“, folgert der ehemalige Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung im ZDF.

Jung, Bundesverteidigungsminister in den Jahren 2005 bis 2009, verteidigt auch im Nachhinein den Angriff der Bundeswehr auf die Tanklastwagen Nahe Kundus damit, wonach man sehr konkrete Hinweise gehabt habe, dass die Taliban das deutsche Lager angreifen wollten – „auch mit Tanklastwagen“. Immerhin wird später Oberst Georg Klein zum General befördert – auch als Anerkennung für einen deutschen Soldaten, der lange Dienst im Krieg in Afghanistan getätigt hat.

Zwei Jahre Terror-Offensive der Taliban – und Bundeswehr ist nicht geschützt

Seit dem Luftangriff auf die Taliban in Kundus sei für die Bundeswehr eine schwierige Zeit in Afghanistan angebrochen, sagt das ZDF. Zwei Jahre habe die Offensive der Taliban gegen die Bundeswehr gedauert. Zwei lange Jahre, in denen sich die deutschen Soldaten stärker denn je gegen mörderische Terrorangriffe der Taliban habe wehren müssen. Nach Schätzungen habe dieser Konflikt hunderte Taliban das Leben gekostet.

Dennoch äußert ein Taliban im ZDF, wonach die Taliban „mit Allahs Hilfe die Deutschen besiegen“ würden. Sie wollten die Deutschen vom „heiligen Boden“ in Afghanistan vertreiben, so, wie sie einst die Sowjets vertrieben hätten, also die Russen.
Rund eine halbe Millionen Dollar habe, sagt das ZDF, die Bundeswehr in den Folgemonaten nach den Angriffen auf die Taliban-Tanklastwagen bei Kundus an Blutgeld an die Hinterbliebenen entsprechend afghanischer Tradition bezahlt. Blutgeld, um Angriffe der Taliban auf die deutschen Soldaten, die Bundeswehr, zu verhindern, um Blutrache zu verhindern.

Dabei habe man gelernt, sagt Lindemann, dass getötete Frauen „in Afghanistan grundsätzlich die Hälfte wert sind, wie ein Mann“. Auch Kinder seien beim Blutgeld halb so teuer, wie Männer. Dennoch halte er solche Blutgelder für richtig, da man sich dadurch, sagt Lindemann, neue Gegner ersparen könne. „Dann ist das eine gute Investition“.

Für Jung selber wird Kundus ebenfalls zu einem Wendepunkt an deren Ende er zurücktritt. Nachfolger wird Karl-Theodor zu Guttenberg, welcher von 2009 bis 2011 deutscher Verteidigungsminister ist.

Ein weiterer wichtiger Tag im Krieg der Bundeswehr in Afghanistan ist der 2. April 2010, ein Karfreitag. In der Nähe einer Talibanhochburg werden deutsche Fallschirmspringer angegriffen. Aufgenommen wird das Ganze mit den Helmkameras der Bundeswehrsoldaten. Diese Bilder zeigt das ZDF. Über 100 Talibankämpfer greifen die deutschen Soldaten an. Die amerikanischen Soldaten wissen zwar von der Notlage der Deutschen, greifen aber unter dem Vorwand, man habe Angst vor zivilen Opfern, nicht ein. Der Preis: Drei deutsche Soldaten werden von den Taliban im Kampf ermordet. Acht weitere Bundeswehrsoldaten wurden zum Teil schwer verletzt.

„Wir sind keine Roboter, sondern Menschen“

„Wir sind keine Roboter. Wir sind Menschen. Und natürlich macht sich so etwas wie der Wunsch nach Vergeltung breit. Es kommt aber darauf an, diesem Wunsch nicht unbedingt nachzukommen“, sagt ein Bundeswehrsoldat jetzt im Nachhinein. Doch, sagt das ZDF, könne so etwas schwer sein, wenn die Taliban jubelnde Propagandavideos zeigten, in denen der Tod von deutschen Soldaten gefeiert werde. Der Tod von Soldaten, vom Kumpel, mit dem man noch am Abend zuvor vielleicht ein Glas Bier getrunken hatte.

Michael Reis, Militärpfarrer in Afghanistan, sagt in der ZDF-Dokumentation zur deutschen Bundeswehr in Afghanistan: „Wenn sie erleben, wie fanatisch einige (Taliban) sind, die mit Kindern im Arm ins Gefecht gehen… das hinterlässt Spuren bei den Soldaten. Und ich habe so etwas wie Hass gespürt. Ein Gefühl, was mir vorher fremd war.“

Seit Jahren, sagt das ZDF, habe sich die Bundeswehr schwerere Waffen in Afghanistan gewünscht. Die Bundesregierung unter Angela Merkel (CDU) habe aber erst nach den drei toten Soldaten in Afghanistan an jenem Karfreitag 2011 reagiert und die Bundeswehr besser in Afghanistan ausgestattet – mit Hightech-Waffen.

Zu Guttenberg verteidigt die späte Aufrüstung der Bundeswehr damit, dass vielen Politikern einfach gar nicht klar gewesen sei, dass man für einen Krieg „auch entsprechende Waffen benötigt, um unsere Soldaten besser zu schützen, um ihnen draußen im Feld einen entsprechenden Rückhalt zu geben.“

Zu Guttenberg kritisiert, wonach dieses „sehr lange gefordert worden“ war und in Berlin „sehr lange vom Tisch gewischt“ worden sei. Erst mit neuen Kanonen gelingt es der Bundeswehr im Norden von Afghanistan sich besser verteidigen zu können und die Kräfteverhältnisse umzukehren.

Erst Haubitze-Kanonen bringen etwas Sicherheit für Deutschlands Soldaten

Möglich sei dieses gewesen mit 50 Tonnen schweren Haubitze-Kanonen, welche rund 40 Kilometer weit ins Feld gefeuert werden könnten. Zumindest in einem Kreis von 80 Kilometern rund um das deutsche Feldlager seien seit diesem Zeitpunkt die deutschen Soldaten besser geschützt. Denn die Panzer, die zum Abfeuern der Hightech-Kanonen verwendet werden, dürften das zentrale deutsche Feldlager nicht verlassen. „Außerhalb davon haben die Taliban weiterhin leichtes Spiel“, so das ZDF.

Wie schwierig dieser Krieg in Afghanistan ist, zeigt sich beispielsweise daran, dass Soldaten dort auch den Auftrag hatten, zu Fuß ein von Taliban gehaltenes Dorf einzunehmen – ein Dorf in das jahrelang kein Soldat einen Fuß gewagt hatte. „Wann wird der Gegner das Feuer eröffnen“, hätten sich die deutschen Soldaten immer wieder durchaus von Angst gezeichnet gesagt. Tim Focken, Fallschirmspringer der Bundeswehr, berichtet von einem solchen Einsatz, vom Versuch ein von Taliban gehaltenes Dorf einzunehmen.

Doch für ihn endet dieser viertägige Einsatz schlimm: Er wird von Taliban schwer in eine Schulter getroffen. Nur ein amerikanischer Soldat, der sein eigenes Leben riskiert, wagt den Hubschrauber-Anflug auf das dörfliche Gebiet, in dem Focken am Boden liegt und blutet. Er rettet dem Deutschen wahrscheinlich das Leben. Doch Tim Focken „wird seinen Arm nie wieder normal bewegen können“, sagt der ZDF-Sprecher.

Johannes Clair, ebenfalls Fallschirmspringer in einem solchen von Taliban-Terroristen gehaltenen Dorf in Afghanistan, erzählt, dass die Waffen unglaublich laut seien, die eingesetzt würden während solcher Kämpfe. Ohne Gehörschutz könne man dort eigentlich nicht agieren. Man habe sofort einen Tinnitus im Gehör. Am wohlsten habe man sich gefühlt, „wenn amerikanische Kampfhubschrauber über uns kreisten“. Dann sei es sehr still gewesen, da „die Feinde wahnsinnige Angst vor den Hubschraubern hatten“.

Weiter sagt Clair: „Wir haben vier Tage lang Tag und Nacht im Dreck gehaust“. Diese für die deutschen Soldaten teils traumatischen Tage verarbeitet Johannes Clair später in seinem Buch „Vier Tage im November“.

Als weiteres Problem für die Bundeswehr in Afghanistan stellte sich die oftmals selbstherrliche Art der US-Armee heraus: „US-Spezialeinheiten machen Jagdt auf Taliban. Mitten im deutschen Befehlsgebiet“, sagt das ZDF in seiner TV-Doku. Was das für die deutschen Soldaten bedeutete, wird auch deutlich: Oftmals, so ein Soldat, hätten die Amerikaner nur eine Stunde vor ihren Angriffen der Bundeswehr mitgeteilt, sie solle „aus dem Weg gehen“. Kurz darauf sei es dann zu den Angriffen der Amerikaner gegen die Taliban gekommen.

Ebenfalls zu Wort kommt der Bund Deutscher Veteranen. Er kritisiert, wie die deutschen heimkehrenden Soldaten oftmals behandelt würden – manche würden sogar angespuckt. Anders ergeht es den amerikanischen Soldaten. Nach Auslandseinsätzen wird ihnen am Flughafen in den USA zugejubelt. Schon Tage vorher berichten die Zeitungen und TV-Sender von den Zurückkehrenden. Der Empfang wird organisiert – von der Politik, aber auch der Armee selber.

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HIER kann der Film angesehen werden: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2010382/Unser-Krieg-%2528Teil-2%2529

 

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