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Mittwoch, 04. August 2021

Grenzgänger & Sonstige

Wie irre ist Jens Spahn? Er will halbe Millionen Deutsche in Schweiz in Quarantäne schicken

Die Karte vom Samstag zeigt die Verteilung der Corona-Fälle in der Schweiz. Im Thurgau gibt es gerade einmal fünf Fälle. (Karte: Bundesamt für Gesundheit, Schweiz).

Kommentar: Wie irre ist Jens Spahn? Bislang ist Deutschlands Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) in der Corona-Krise nicht durch allzu viele sinnvolle Aktionen aufgefallen. An den Flughäfen gibt es kein kostenloses Desinfektionsmittel, auch keine Infostände. Selbst Argentinien hat das.

Nicht so in Deutschland: Hier durfte die Lufthansa noch bis Mitte Februar 2020 Tausende Menschen von China nach Deutschland fliegen und zurück. Einflugsperren aus dem Quell-Land von Corona, aus China? Nicht mit Spahn.

Dafür scheint er jetzt umso emsiger bemüht zu sein, im Erfinden neuer Schuld-Länder in der Corona Krise: Die Schweiz gehöre dazu, ebenso Österreich und natürlich Italien.

  • Immerhin pendeln täglich 30.000 Italiener als Gastarbeiter und Grenzgänger täglich von der italienischen Lombardei (10 Millionen Einwohner) ins schweizerische Tessin (353.343 Einwohner).
  • So empfahl CDU-Mann Jens Spahn am Samstag, der offensichtlich selber nie groß längere Zeit im Ausland gearbeitet hat, mit seinem Berliner Gesundheitsministerium:
  • „Wenn Sie innerhalb der letzten 14 Tage in Italien, in der Schweiz oder in Österreich waren“ solle man „unnötige Kontakte“ vermeiden und „zwei Wochen zu Hause“ bleiben.
    Zudem sagte der Minister, wonach dies sogar in jedem Fall gelte. Egal, „ob Sie Symptome haben oder nicht“.

Gerade im Schweizer Grenzkanton zu Deutschland, dem Thurgau, wurden aber bis Freitag gerade einmal fünf Corona-Fälle ausfindig gemacht. Laut einem Bericht des Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) habe man mit Stand Samstag den 14. März insgesamt 1359 Corona positiv getestete Bürger (COVID-19) im Land zu verzeichnen. (Karte).

  • Zum Vergleich: Das angrenzende Baden-Württemberg (11,02 Millionen Einwohner) hat aktuell (14. März) 569 Corona-Infizierte.

Dennoch sollte sich Gesundheitsminister Jens Spahn vielleicht mal in die Weiten der realen Arbeitswelt in Europa begeben und sich ein paar Fakten anschauen:

Täglich pendeln 60.000 Deutsche in die Schweiz als Grenzgänger

Alleine zwischen Deutschland und der Schweiz pendeln täglich 60.000 Deutsche, um in der Schweiz zu arbeiten. [1]

  • Für diese Berufspendler, Grenzgänger, ist das Pendeln existentiell. Sollen sie nun pauschal drei Wochen in Quarantäne gehen und eine Kündigung riskieren, welche in der Schweiz jederzeit möglich ist? Denn groß Kündigungsschutz gibt es in der Schweiz nicht.
  • Alleine aus dem Landkreis Konstanz gibt es rund 10.000 Deutsche, die in die Schweiz Tag für Tag pendeln, um dort zu arbeiten – in Kreuzlingen, Tägerwilen, Winterthur oder Zürich beispielsweise. [1f]
  • Auf die gesamte Schweiz gerechnet, gibt es Tag für Tag circa 300.000 Deutsche, Franzosen, Italiener, Österreicher die täglich die Grenze zur Schweiz überschreiten, um dort ihrem Job nachzugehen. [2]
  • Abends reisen sie wieder zurück in ihre Heimatländer. Will Spahn die auch alle pauschal drei Wochen in Quarantäne in stecken?

Das könnte schwierig werden. Denn einem Bericht von RTL vom Samstag folgend werde derzeit empfohlen, sich zwei Mal hintereinander auf Corona testen zu lassen.

Ein junger Mann aus der deutschen Corona-Hochburg Heinsberg erklärte in RTL, er habe aber nach neun Tagen immer noch kein Ergebnis auf seinen Corona-Test, den seine Hausärztin durchgeführt habe.

Wenn dies jedoch das Tempo ist, mit welchem in Deutschland Corona-Test-Ergebnisse erfolgen, sind schnell drei Wochen vorbei, ehe man überhaupt weiß, ob man Corona Positiv ist oder Corona Negativ.

25 Prozent Ausländer in der Schweiz, darunter fast eine halbe Millionen Deutsche

Doch sprechen wir in der Schweiz nicht nur von Berufspendlern, also den Grenzgängern:

So leben in der Schweiz 8,5 Millionen Menschen. Der Ausländerausteil liegt bei 25 Prozent, schreibt die Neue Züricher Zeitung. [3]

Und Wikipedia führt aus: „Für die Deutschen ist die Schweiz das beliebteste Auswanderungsland. Im Jahr 2017 lebten knapp 305.000 Deutsche in der Schweiz. Inklusive Doppelstaatler beträgt ihre Zahl rund 450.000.“

Dann sind wir schon bei fast einer halben Millionen Deutschen, deren Leben und Existenz aufs Engste mit der Schweiz verbunden ist. [4] Sollen die mit ihren Familien und Freunden auch alle in Quarantäne Herr Spahn?

Vielleicht sollte Spahn zur Abwechslung mal selber im Ausland arbeiten, ehe er pauschal wirres Zeug verlautbart, welches weder der Eindämmung von Corona dient, noch von größerem Wissen der heutigen Arbeits- und Lebensrealität von Millionen Menschen zeugt.

  • Der prominenteste Deutsche in der Schweiz war übrigens der in Ulm geborene Albert Einstein. Er legte mit seiner Relativitätstheorie (1905, 1916) neben den deutschen Wissenschaftlern Otto Hahn und Fritz Strassmann (1939) sowie Lise Meitner die fachliche Grundlage für die Atombombe.

Einstein hatte nach den Erkenntnissen von Otto Hahn und Fritz Strassmann, wonach es eine Kernspaltung gebe, was man am 6. Januar 1939 in der deutschen Zeitschrift „Naturwissenschaften“ publiziert hatte und kurz darauf in „Natur“ [4f] den USA den Bau einer Atombombe empfohlen.

  • Das tat Einstein in einem berühmten Brief an den damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt.
    Der Brief ging als „Einstein–Szilárd letter“ in die Geschichte ein. [5]

Was Spahn auch nicht klar zu sein scheint: Die Grenzen in der EU sind längst fließend – nicht nur im juristischen Sinne Dank des Schengener Abkommens, sondern auch ganz persönlich-privat: Das Einkaufen von Schweizern in der deutschen Grenzstadt Konstanz ist ebenfalls ein tägliches Ritual, ebenso das Shopping-Pendeln der Straßburger nach Deutschland. Das sind nur zwei Beispiele von Städten, die für Hunderte Grenzstädte stehen.

Güterverkehr

Da das Corona-Virus auch mit dem Güterverkehr auf Metall oder Plastik die Grenzen überschreitet, ist Spahns Vorstoß aber auch dahingehend Unsinn. Ganz abgesehen davon, dass er damit das Verhältnis Deutschlands zu seinen Nachbarn völlig unnötig anspannt und beschädigt. Europa braucht nicht mehr Grenzen, sondern weniger. Dafür aber mehr behördliche Zusammenarbeit, die noch nicht einmal auf polizeilicher Ebene funktioniert.

Wie wichtig grenzüberschreitende soziale Kontakte sind, zeigt das Beispiel der badischen Bodenseestadt Konstanz. Denn dass es die Altstadt von Konstanz noch gibt, deren Patrizier-Häuser bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen, ist den benachbarten Schweizern in Kreuzlingen zu verdanken.

Sie hatten, als die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg 1945 Konstanz anflogen und zerbomben wollten, mit ihren Konstanzer Nachbarn gemeinsam die Lichter ausgeschaltet. So konnten die Konstanzer überleben.

Denn die Amerikaner wendeten sich damals in der Kriegsnacht ab, da sie Angst hatten die Schweiz zu treffen, wie sie dies bereits im Schweizerischen Schaffhausen am 1. April 1944 aus Versehen gemacht hatten.



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