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Sonntag, 25. September 2022

„Die Familie ausgelöscht“: Auschwitz Überlebende sprechen vor Gericht in Lüneburg

Im Rahmen des Gerichtsprozess in Lüneburg gegen den angeklagten ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning, welcher im deutschen in Polen liegenden Konzentrationslager Auschwitz dafür zuständig war, ankommenden Häftlingen Schmuck und Kleider abzunehmen, sagten nun Überlebende des Holocaust aus.

Zuvor hatte Oskar Gröning, der Angeklagte, gesagt, er bereue zutiefst, sich zum Handlanger in Auschwitz gemacht zu haben. Er habe ganz unabstreitbar eine große moralische Schuld auf sich geladen. Gröning, heute 93, war zum Zeitpunkt seines Einsatzes im Vernichtungslager Auschwitz unter 19, gilt also nach heutigem Recht als Minderjährig, da das Jugendstrafrecht bis zum 21. Lebensjahr greift. Auschwitz liegt beim heutigen polnischen Ort Oświecim.

Vor dem Lüneburger Gericht kamen nun Einzelheiten von betroffenen jüdischen Familien ans Licht. Darin schilderte beispielsweise der Kanadier Max Eisen, 86, wie der deutsche Bahntransport der deutschen Nazi-Regierung in den 1940er Jahren Juden und andere Missliebige des deutschen Hitler-Regimes nach Auschwitz transportieren ließ.

Das Konzentrationslager Auschwitz war von Anfang an als Vernichtungslager konzipiert worden, in welchem nach historischer Überzeugung viele Hunderttausend Menschen von den Nazis vergast oder anderweitig ermordet wurden – die meisten darunter waren Bürger jüdischen Glaubens.

Max Eisen, der als Nebenkläger zum späten Gerichtsprozess nach Lüneburg geladen ist, sagte, sein Vater und Onkel hätten in Auschwitz, nachdem sie im KZ getrennt worden waren, ängstlich gefragt, „werden wir unsere Familien heute wiedersehen?“. Daraufhin hätten die Antworten von Auschwitz-Häftlingen gelautet, „eure Familien sind durch den Schornstein gegangen“.

Brüder, Tante, Großeltern, Mutter – alle wurden in Auschwitz umgebracht

Max Eisen hatte sowohl seine Brüder, seine Tante, Großeltern, die Mutter und seine kleine Schwester nie wieder gesehen. Sie sind in Auschwitz von den dort arbeitenden Nazi-Schergen – darunter waren auch nicht-deutsche Bürger – umgebracht worden.

Heute geht Eisen davon aus, dass sein Vater und sein Onkel gezielt zur Vergasung selektiert worden seien. Er habe sich von ihnen zwei Sekunden lang verabschieden können. Damals sei er 15 Jahre junge gewesen, auf der Schwelle zwischen Kind zum Mann. Sein Vater habe ihm gesagt: „Wenn Du überlebst, wirst Du der Welt erzählen, was passiert ist.“ Es sei ihm klar gewesen, sagt Max Eisen weiter aus, dass Auschwitz das Ende für seine Familie sei. 1945 wurde er schließlich nach einem überstandenen Todesmarsch befreit.

Gleichzeitig wurde in Lüneburg bekannt, wonach angeblich der frühere SS-Mann Oskar Gröning gesagt haben soll, wonach ihm klar gewesen sei, dass kein Jude lebend aus Auschwitz wieder herauskäme. In Lüneburg klagt man den 93-Jährigen Gröning wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen an.

Die Kleinen hängt man, viele Große hat man laufen lassen…

Die Lüneburger Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, durch das Einsammeln von Geld das systematische Töten unterstützt zu haben. Worauf die Staatsanwaltschaft bislang keine Antwort hat: In Kriegszeiten gilt das Kriegsrecht. Nach damaligem Recht war das Einsammeln von Geld bei den Gefangenen legal. Nach heutigen Maßstäben – mit dem heutigen Wissen um Auschwitz – könnte es aber in der Tat als Beihilfe zum Mord oder Totschlag juristisch gewertet werden.

Dass der Prozess in Lüneburg aber auch eine gewisse Farce ist, nach dem Motto, die Kleinen hängt man, viele Große hat man 80 Jahre davonlaufen lassen, zeigt die Aussage eines Auschwitz-Überlebenden.

So erklärte William Glied gegenüber der Deutschen Nachrichtenagentur dpa, für ihn sei es nicht wichtig, ob jemand wie Gröning ins Gefängnis komme, sondern dass die Welt wisse, was in Auschwitz passiert sei, da es immer noch Holocaust-Leugner gebe. „Ich erinnere mich immer noch so, als wäre es gestern gewesen“, erklärte der 85-Jährige, der heute ebenfalls in Kanada lebt.

Der 93-Jährige angeklagte Gröning erklärte, er sei als Minderjähriger selten, genau dreimal, im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau an der Rampe eingesetzt worden. Heute ist das Konzentrationslager Auschwitz als „Panstwowe Muzeum Auschwitz-Birkenau“ bekannt und kann besichtigt werden. Neben Juden sind unter den Nationalsozialisten auch Tausende Behinderte, Linke, Schwule, Lesben oder anderweitig dem Nazi-Regime unter Adolf Hitler missliebige Personen in Auschwitz ermordet worden.



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