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Freitag, 26. November 2021

Stimmt Phantombild Fußball-Schläger von Mark Herbert, 23?

Wer ein Phantombild der Polizei sich anschaut, denkt stets, so müsse der Gesuchte auch aussehen. Das gilt sicherlich auch für das Phantombild der Offenbacher Kriminalpolizei, welches in der ZDF-Sendung Aktenzeichen xy ungelöst am Mittwoch den 12. August 2015 gegen 21 Uhr ausgestrahlt worden ist. Darin sucht die Polizei den schwerkriminellen Schläger, der den heute 25-Jährigen Offenbacher Fußball-Fan Mark Herbert vom Hals ab querschnittsgelähmt geprügelt hat. Viele in Offenbach kennen den Täter, verschweigen ihn seit drei langen Jahren feige. Doch wahr ist auch: oft sind Phantombilder falsch.

So haben in den USA und Großbritannien Untersuchungen gezeigt: Phantombilder – auch „Forensic Pictures“, „Composite Sketches“, „Police Sketches“, „FBI Sketches“ (USA), beziehungsweise „Facial composite“ oder „Facial Recognition“ (UK) genannt, decken nur rund 9% des realistischen Gesichts ab und führen deshalb oft in die Irre.

Das war beispielsweise in den 1990er Jahren der Fall, als das FBI ein Forensic Picture, also ein Phantombild, beziehungsweise ein „FBI sketch“ von Timothy McVeigh, dem Bomben-Attentäter von Oklahoma zeichnete. Trotz der Computerprogramme heute muss man nach wie vor sagen, dass Phantombilder der Polizei eben nicht sehr genau sind und oft sogar in die Irre führen, da sie an entscheidenden Stellen komplett falsch sein können.

Das bedeutet aber letztlich: Wer glaubt, dass ein Phantombild auch im Falle des Offenbacher Fußball-Schlägers von Mark Herbert, der vor drei Jahren so zusammengeschlagen wurde, dass der 23-Jährige heute von Kopf ab gelähmt in einem Rollstuhl sitzen muss, komplett in jedem Detail des Gesichtes stimmt, könnte gewaltig irren.

In Großbritannien gab es eine Reihe von Studien rund um Phantombilder, also sogenannte „Facial composites“. Die Ergebnisse deuten alle in die gleiche Richtung: Die Zeugen liegen beim Erstellen des Phantombildes allenfalls um wenige Prozent in der Realität der realen Person. Der Grund für das niedrige Niveau ist immer der gleiche: Zeugen sind nicht in der Lage, die inneren Merkmale des Gesichts genau zu konstruieren – erst Recht nicht, wenn zwischen der Tat und der Zeichnung durch die Polizei mehrere Tage vergehen und wenn obendrein erhebliche emotional belastende Ereignisse passiert sind – wie ein brutaler Überfall. Warum sollte das für den Fußball-Schläger in Offenbach von Mark Herbert anders sein?

Nach wie vor kann man lediglich davon ausgehen, dass einzelne kleine Bereiche eines Phantombildes zu dem Täter passen. Schwierig wird es, wenn ein Tatverdächtiger vor der Polizei steht, das Phantombild vorher aber auf Grund von Erinnerungen angefertigt wurde. Wird das Phantombild dann nachträglich dem realen Bild angepasst? Die Antwort lautet wahrscheinlich eher nein. Grund: Eine Veränderung des Phantombildes könnte ja nachträglich jemanden belasten, der vielleicht doch unschuldig ist.

Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Da Phantombilder auf Grund der momentanen Erinnerung derer gezeichnet werden, die den Tatverdächtigen vor Ort gesehen haben, sind eben oft wichtige Gesichts-Details falsch. Denn letztlich läuft es ja nicht so, dass der Zeichner ein Foto erhält und das Foto abzeichnet. Sondern der Polizei-Zeichner zeichnet auf Grund der Erinnerung jener, die am Tatort waren. Da viele Menschen aber kein gutes Gedächtnis haben – erst Recht nicht, wenn sie alkoholisiert sind -, stimmen eben viele Partien im Gesicht auf dem Phantombild überhaupt nicht. Denn niemand kann sich genau daran erinnern, wie nun sämtliche Partien im Gesicht eines Tatverdächtigen aussehen.

Wenn wir die Schätzung aus den USA zu Grunde legen, dass im Falle forensischer Bilder, also von Phantombildern, nur 9% des Gesichts tatsächlich relativ realitätsnah gezeichnet werden, so müssen wir auch die Frage stellen: Wie realitätsnah ist denn das in der ZDF-Sendung Aktenzeichen xy ungelöst am 12.08.2015 gegen 21 Uhr der deutschen Öffentlichkeit präsentierte Bild (ab circa Minute 43.35) des brutalen und hochkriminellen Schlägers des Offenbacher Fußballfans Mark Herbert?

Dabei dürfte wohl auch für den Täter des Fußballfans in Offenbach gelten: Ein Phantombild wird nicht alle Jahre geändert und angepasst. Sieht also der der Tat Verdächtige doch anders aus, sitzt die Polizei in der Klemme, da das Phantombild ja nicht einfach verändert werden kann, nur da man nun genau weiß wie die Person aussieht. Das ist auch der entscheidende Unterschied zu den USA: In den USA würde umgehend ein Foto publiziert, in Deutschland stehen dem oftmals das Presserecht und Urheberrecht, auch das Persönlichkeitsrecht entgegen. Nicht selten verschicken deshalb Tatverdächtige sehr schnell an Medien Unterlassungs- und Droherklärungen, die verhindern sollen, dass zu viele Details zu dem Tatverdächtigen öffentlich werden.

Denn eines ist auch klar: In Deutschland gilt das Unschuldsprinzip viel stärker als in den USA, Großbritannien oder Thailand. Das kann aber auch ein großes Dilemma für die Kriminalpolizei sein, wenn das Phantombild falsch ist, der Täter eigentlich feststeht, aber die Beweise nicht ausreichen, da die Zeugen zu feige sich, namentlich eine Aussage zu tätigen – wie in Offenbach bislang.

Ist also das Phantombild an entscheidenden Punkten komplett irreführend, darf sich der Täter freuen. In den USA gibt es Experimente die belegen, dass auch mit Hilfe von Computerprogrammen gezeichnete Phantombilder, eben forensische Bilder, keine höhere Treffgenauigkeit haben, als im Falle einer Handzeichnung. Denn auch hier gilt: Die Grundlage für polizeiliche Fahndungs-Zeichnungen auch am Computer sind ja eben nicht Fotos oder Filmaufnahmen, sondern die Erinnerungen der am Tatort anwesenden Zeugen.

Wir müssen uns also immer klar machen: forensische Künstler und auch forensische Computerprogramme können nicht nur gewaltig irren, sondern irren häufig gewaltig in den entscheidenen Details. Das macht die polizeiliche Ermittlungsarbeit so unglaublich schwierig, wenn es nicht genügend andere Spuren gibt – zum Beispiel DNA.

Das menschliche Gehirn gleicht einem Schach-Set, das je nach persönlichen Präferenzen völlig unterschiedliche Details von Menschen wahrnimmt. Dem einen sind Bizeps wichtig, dem anderen die Augen, dem dritten der Hintern, dem fünften die Nase, wieder einem anderen die Ohren oder das Kinn. Doch selten stimmen die Erinnerungen mit der Realität überein.

Insofern kann wohl davon ausgegangen werden, dass auch das von der Kriminalpolizei Offenbach präsentierte Phantombild zu dem Tatverdächtigen Schläger kein realistisch gezeichnetes Bild ist, sondern ein Bild, welches entscheidende Fehler aufweisen könnte.

Deshalb: Ein möglicher Zeuge, eine Zeugin, sollte sich davon nicht beirren lassen, wenn man der Meinung ist, eine wichtige Zeugenaussage in dem schwerwiegenden kriminellen Offenbacher Fußball-Fall zu einer Person, einem Tatverdächtigen, machen zu können. Diese Nicht-Beirrung gilt auch dann, wenn das reale Bild dieser Person in einigen oder vielen Details komplett anders aussieht, als es im ersten Moment das Phantombild wiedergibt.

In den USA sagen forensische Künstler, sie könnten niemals ein perfektes Bild auf Grund der Erinnerung von Menschen anfertigen. Oftmals ist deshalb die Öffentlichkeit verblüfft, wenn man ein Phantombild, ein forensisches Bild, neben das reale Bild setzt. Meist versuchen deshalb forensische Künstler am Computer wenigstens herausragende einzelne Dinge auf Grund der Erinnerung von Menschen die am Tatort dabei waren, hervorzuheben. Das können bestimmte Haarpartien sein oder Tätowierungen, Mundwinkel oder die Haarfarbe.

Zwar wurde beispielsweise zu dem Bombenleger von Oklahoma, Timothy McVeigh, vom FBI ein Phantombild angefertigt. Doch schaut man sich heute die realen Fotos an, werden wohl die allerwenigsten Menschen das forensische Foto mit dem realen Menschen in Einklang bringen können.

Der Bombenattentäter von Oklahoma City, Timothy McVeigh, konnte in den 1990er Jahren nicht auf Grund des polizeilichen Phantombildes seiner Tat überführt werden, sondern auf Grund eines ganz anderen Zufalls. Vielleicht müssen sich das Zeugen auch im Falle des querschnittsgelähmt geprügelten Opfers Mark Herbert in Offenbach deutlich machen.

Und so berichtet die Kriminalpolizei Hessen von dem Fall des Opfers: „Der damals 23-jährige Mark Herbert war am 25. August 2012 kurz vor 20 Uhr vor dem Zugangsbereich des Aussichtsturms von einem bislang Unbekannten durch Schläge und Tritte lebensgefährlich verletzt worden; seitdem ist er vom Hals abwärts gelähmt. Das Leben von Mark, aber auch das der Familie, hat sich seit diesem Tag komplett verändert.“



Kommentare (1)


erstaunlich 3. September 2015 um 12:38

Das wird wirklich immer besser mit der „Berichterstattung“ in diesem Fall. Neben dem verantwortungslosen Herumgeraune einer Verschwörung Offenbacher Bürger (alles schon unkonkret, um nur ja nicht in Verantwortung genommen zu werden) und der Darstellung von anonymen Gerüchten als „Hinweise“ (alles jenseits jeder „journalistischen Verantwortung) passen nun dem Autoren sogar die paar vorhandenen Fakten nicht ins Bild – also bezweifelt er sie. Ohne jeden Grund. Er nimmt das Phantombild zum Anlass auf die Selbstverständlichkeit hinzuweisen, dass Phantombilder auch zum Irrtum verleiten können. Wie jede andere Spur auch. Der Artikel hier macht keinen Sinn. Merkt man denn nicht selbst, wenn man Dinge ablässt wie „beispielsweise in den 1990er Jahren der Fall“ wie absurd das ist?

Er hat nicht den geringsten Hinweis darauf, wie authentisch dieses Phantombild ist. Das kann er nicht wissen, weil er den Täter nicht kennt. Was der Autor nun macht ist, den so ziemlich besten weil einzig konkreten Hinweis auf den Täter in Zweifel zu ziehen. Ohne jeden Grund. Da seiner Meinung nach so ziemlich jeder in Offenbach weiss, wer der Täter ist aber aus ominösen Gründen „schweigt“, heisst das wohl: Die Polizei, die dieses Wissen wohl auch hat (zumindest durch anonyme Hinweise) setzt ein Phantombild in die Welt, dass dem Täter nicht ähnlich sieht. Was sie weiss.

Liest denn keiner solche Artikel bevor die veröffentlicht werden?
Was ist denn der Wert ausser die beste vorhandene Spur in Zweifel zu ziehen?
Man denkt fast, Daniel hat einen ganz konkreten Verdacht, noch genug Realitätssinn den nicht laut auszusprechen, aber offenbar scheint er vom Täter doch einiges mehr zu wissen als der Öffentlichkeit bekannt – sonst würde er nicht offizielle Spuren dermassen abwerten, was im Zweifel (das Bild ist mehr oder weniger authentisch) den echten Täter decken würde.
Dann würde sich Daniel über eine Feigheit aufregen, die ihn selbst befallen hat.

Es wird in dem Fall hier immer verrückter und ich bzw. mein Umfeld verfolgen die Berichte hier mittlerweile nur noch aus medienkritischem Interesse. Denn das ist beispielhaft für das, was „Internet-Journalismus“ anrichten kann: Er gibt dem Gertratsche an der Strassenecke einen seriösen Anstrich und unterscheidet nicht zwischen Kommentar und Bericht, Fakt und Fitkion.

Ich weiss nicht, was sich kriegsberichterstattung dabei denkt oder was die Seite hier überhaupt will. Denn aufmerksam werden viele durch Daniels Berichte und wer die liest, liest den Rest der Seite her nicht – wer so eine Geraune und solche dumpfen Gerüchte und Verschwörungstheorien duldet, hat keinen Anspruch auf Seriösität.

Jedenfalls ist das hier aus medienkritischer Sicht hoch interessant! Wie Stimmungen gemacht werden, wie bewertete wird, wie man sein Bachgefühl rationalisiert usw.
Inhaltlich ist das auf dem Level von „Wer erschoss Kennedy?“ und ähnlichen Verschwörungstheorien.
Aber dieses Raunen und der unbedingte Will, der Geschichte eine Tendenz zu geben selbst wenn die Hinweise dem entgegen stehen (dann kommen Artikel wie dieser hier) – das ist verrückt.
Ich hätte so ein Vorgehen von Rechtsextremen erwartet, die den Verdacht auf diese Weise auf Ausländer oä. lenken wollen. Nicht, dass das der Fall ist. Aber das ist das Niveau, an das man denkt wenn man dieses seltsame Verhalten hier bewerten will, wo jemand eigentlich nur seinen Vorurteilen Raum gibt, kein Problem damit hat eine ganze Gruppe von Bürgern zu diffamieren und jetzt schon soweit ist, die beste Spur (die wohl kaum aus der Beobachtung eines einziges Zeugen resultiert…) auf ganz oberflächliche Weise (errare humanum est – keine so neue Erkenntnis) in Zweifel zu ziehen.

Wer wars denn Deiner Meinung nach, Daniel?
Sags doch!
Les ich Deine Artikel quer siehts doch so aus, als hättest Du eine bestimmt Person im Auge, die leider dem Phantombild nicht ähnlich sieht.
Na, komm!
Geh doch den Offenbacher mit gutem Beispiel voran und spuckt Deinen Verdacht aus!
Wie kannst Du es denn mit Deinem Gewissen vereinbaren, zu schweigen bzw. diese Art von Schnitzeljagd zu veranstalten wenn der Täter jeden Tag wieder zuschlagen könnte?
Die Vorwürfe, die Du fast einer ganzen Stadt machst, die treffen Dich Dich auch selbst, oder?

Na, kommt!
Lass es raus.
Fehlende Beweise oä. werden Dich doch nicht davon abhalten, oder?

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