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Dienstag, 19. Juni 2018

US-Militär: Täglich Selbstmord eines Soldaten – besonders Frontsoldaten

In den ersten 155 Tagen des Jahres 2012 haben sich 154 Soldaten der US-Truppen mittels Suizid umgebracht. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg von knapp 20 Prozent. Diese erschreckende Selbstmordrate, die Amerikaner sprechen von ‚ active-duty suicides‘, also von einem Selbstmörder im Dienst, wurde nun publik. Sie sorgt in den USA für großes Erstaunen. Eine Sprecherin des US-Verteidigungsministeriums sagte, man sei tief besorgt über die zunehmenden Selbstmorde unter US-Soldaten. Es sei eines der am meisten drängenden Probleme im US-Militär.

Entsetzen herrscht bei Beobachtern auch, wie naiv das Pentagon, also das US-Militär, mit den vielen verzweifelten Selbstmördern in den eigenen Reihen bislang wissenschaftlich umgegangen ist. Nämlich so gut wie gar nicht.

Statt dessen verlautbart von den US-Truppen lediglich, man habe es nicht komplett verstanden, warum sich so viele junge Soldaten der US-Truppen das Leben nehmen würden. Es gäbe jedoch, stochert das US-Verteidigungsministerium im Nebel, einen Hinweis, dass möglicherweise besonders Soldaten betroffen wären, „with multiple combat tours“. Unter combat versteht man „Kampf“. Ein „multi combat plane“ ist das Frontflugzeug. Das US-Pentagon meint also wahrscheinlich, dass besonders jene Soldaten besonders von Suiziden betroffen seien, die in mehreren Frontkämpfen beispielsweise in Afghanistan verwickelt seien.

Das wären also genau die Soldaten die beispielsweise mit Kampfhubschraubern Zivilisten-Leben auslöschen – wie das Massaker an der Hochzeitsgesellschaft in Afghanistan, das 17 afghanischen Bürgern das Leben kostete.

Die hohe Selbstmordrate zeigt deshalb: Es ist keinesfalls so, dass es allen der 110.000 US-Soldaten, welche in Afghanistan oder sonst wo weltweit stationiert sind, immer leicht fiele, andere Menschen zu erschießen, wegzubomben, ja zu ermorden. Das gilt auch für die Soldaten der deutschen Bundeswehr, die in Afghanistan Dienst tun.

Dennoch wird aber ja massenhaft in Afghanistan – und nicht nur dort – von westlichen Soldaten getötet. Es muss manchmal in der Verteidigung, manchmal im Angriffskampf getötet werden. Die USA haben in den vergangenen zehn Jahren, nach Schätzungen, in allen Krisenherden dieser Welt gemeinsam mit dem westlichen Kriegsbündnis NATO wahrscheinlich weit über 200.000 Menschen umgebracht. Alleine im Irak ist die Rede von 150.000 Toten, in Libyen waren es 50.000, die Anzahl der Toten Afghanen, Jemeniten, Pakistani etc. ist noch nicht einmal bekannt.

In den USA ist vor allem deshalb das Entsetzen über die hohe Suizidrate der US-Soldaten groß, da US-Präsident Barack Obama (Demokraten), der sich gerne als Friedensengel inszeniert mit seinem strahlenden Grinsen, bislang kein größeres Wort zur menschlichen Tragödie geäußert hat, welche scheinbar doch tausende junge Soldaten und Soldatinnen in Kriegen durchleben, in die wir unsere Soldaten geschickt haben.

Viele der Selbstmörder unter den Soldaten hätten wohl auch gesundheitliche Probleme gehabt, heißt es halb entschuldigend aus dem US-Verteidigungsministerium. Das ist eine freundliche Umschreibung für im Krieg so schwer verwundete Soldaten, dass sie verkrüppelt aus dem Krieg beispielsweise in Afghanistan zurückkommen: Blind, taub, ohne Arme oder Beine, mit schwersten Narben und Entstellungen.

Der Staat, der Westen, setzt also die Gesundheit und Unversehrtheit seiner jungen Männer und Frauen für seine teils wahnwitzige Militärstrategie – um es mit dem bekannten deutschen TV-Kriegsberichterstatter Peter Scholl-Latour zu sagen – auch um „sein humanitäres Geschwafel“ überall und in jedem Konflikt mit teils größter Brutalität durchzusetzen – aufs Spiel.

Die Sicherung seiner Bürger, auch die Sicherheit und Unversehrtheit seiner eigenen Soldaten, ist aber ebenfalls als Grundprinzip der Staatsdoktrin im Westen, auch in Deutschland, verankert. Nur weil jemand Soldat ist, heißt das nicht, dass der Staat ein Recht hat, die jungen Männer und Frauen in jedem Konfliktherd dieser Welt zur Schlachtbank führen zu dürfen.

Nun heißt es ja immer wieder: Die Soldaten gehen doch alle freiwillig in den Krieg. Wie freiwillig ist die Entscheidung, eines 20-jährigen Heißsporns, der vielleicht im amerikanischen Westen in irgendeinem gottverlassenen Farmernest noch nie etwas von der Welt gesehen hat? Wie freiwillig ist so eine Entscheidung, wenn ihm „super Videos“ vorgespielt werden von den Anwerbern der US-Militärs, die vierfarbig und digital animiert zeigen, „wie cool“ doch Krieg in Afghanistan oder sonst wo ist?

Nun hatte das US-Pentagon bereits versucht, den zahlreichen Selbstmorden unter den Soldaten mit einigen Maßnahmen zu entgegnen: Dabei brüstet sich das Pentagon, das „Defense Suicide Prevention Office“ habe ja mehrere „confidential telephone hotlines“, also Not-Telefon-Hotlines für die Soldaten, eingerichtet.

Das ist eine gute Idee. Nur: Welcher Kerl, der an der Front mit einem Maschinengewehr vielleicht zehn Taliban umgemäht hat und das als 20-Jähriger anschließend mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren kann, getraut sich wirklich anschließend weinend am Telefon von seinem eigenen Drama zu berichten? Es mag Soldaten geben, die das tun. Aber viele werden es nicht tun. In solchen Momenten spüren sie ihre Einsamkeit. Wer ist dann da in der Wüste von Afghanistan? Wer ist da, wenn solche jungen Soldaten wieder zurück sind, in ihrem öden Kaff irgendwo an der Westküste oder Ostküste der USA?

Einsamkeit werden sie auch spüren, wenn terroristische, verrückte, bösartige Taliban-Terroristen ihre besten Kumpels weggesprengt haben. Einfach so – von einer auf die andere Sekunde. Noch eben hatte man gemeinsam gelacht. Jetzt ist er weg. Oder sie, die Soldatin. Wohin dann mit dem Abgrund an Trauer? Wohin mit dem Grauen, wenn der Schul-Kumpel, mit dem man sich aus Florida oder Alabama losgemacht hatte, im Afghanistan-Krieg neben einem im Kampf beide Beine verliert, aber noch lebt, damit leben muss? Wohin, wenn dieser schreit, heult, verzweifelt um Hilfe ruft, um sein Überleben kämpft???

Die ganzen Großmäuler im Westen, die denken, Kriege könnten stets klinisch sauber aus der Luft, wie in Libyen, geführt werden – es sind Verräter am Leben und der Unversehrtheit all dieser jungen verzweifelten Soldaten.

Kriege kosten Tote. Ja, auch solche Toten. Soldaten, die nicht vom Feind hingemetzelt werden, sondern die sich selbst hinmetzeln. Denn: Selbstmord ist ja nicht einfach. Es ist auch nicht sauber.

Nun hatte wohl vor kurzem ein US-Major, General Dana Pittard, Kommandierender der Ersten (1st) Armored Division in einem Armee-Blog im Internet gepostet, Soldaten, die sich überlegen würden, ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen, sollten doch bitte nicht so kindisch sein, das zu tun. Sie sollten wie ein Kerl, wie ein ganzer Mann, wie ein Erwachsener, agieren und von solchen Gedanken Abstand nehmen.

Sein sicherlich gut gemeinter Aufruf: „act like an adult“. Nur: Wie soll denn ein 20-Jähriger heranwachsender junger Mann wie ein reifer und ausgeglichener Mann agieren im Angesichts der größten menschlichen Tragödien die es gibt??? Das haben sich wohl auch andere US-Militärs gesagt, denn entsprechend hart war anschließend die Kritik an Pittards Äußerungen.

Allerdings ist es mit gegenseitiger Rechthaberei nicht getan. Die Suizid-Rate unter den Soldaten muss gestoppt werden. Nur wie, das weiß bislang keiner. Dabei wäre die Lösung recht einfach: Abzug besonders aus Afghanistan. So schnell wie möglich. Es reicht.

Und: Wer unter den Kriegsreportern, Kriegsberichterstattern von CNN, BBC, ARD, ZDF oder den Zeitungen, auch den westlichen Politikern, denn so geil auf Krieg ist – beispielsweise gegen Syrien oder den Iran – der möge doch bitteschön freiwillig selbst in die Armee eintreten und in den Krieg ziehen.

Der Westen verfügt mit der NATO über das mächtigste Militärbündnis aller Zeiten. Immer mehr Bürger im Westen sehen aber gerade darin eine Gefahr. Denn es verführt Größenwahnsinnige dazu, zu denken, man könne überall elegant einfliegen und die Welt mit Krieg befrieden – mit minimalsten menschlichen Kosten. Alleine im Afghanistan-Krieg kamen aber schon 51 deutsche Soldaten der Bundeswehr in den vergangenen Jahren ums Leben. Von den unzähligen deutschen Soldaten, die verkrüppelt zurückkamen und beispielsweise in Sonderkrankenhäusern im Saarland behandelt werden, gar nicht zu reden.

Menschen, die denken, Krieg wäre heute eine einfache Sache, die unterschlagen in ihren Kriegsszenarien: Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der 100.000 Tote nichts wären. Wir leben in einer Zeit in der jedes Leben zählt. Die NATO muss eine Verteidigungsarmee von Prinzip aus bleiben. Wir müssen den Trend, sie zu einer Angriffsarmee umzufunktionieren, stoppen. Und zwar jetzt. Dazu gehört auch die schreckliche und bedrücktende Einsicht: We connot „Heal the World“. Wir können den Wahn, den Kriegswahn zwischen Gruppen in bestimmten Ländern, nicht stoppen. Und es ist auch nicht unsere Aufgabe.



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