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Dienstag, 09. Juli 2019

Bandidos Razzia: 1 Prozent der 900 Berliner Mitglieder sitzt jetzt in U-Haft

Nach der Razzia der Berliner Polizei gegen die Motorrad-Rockergruppe Bandidos sitzen neun Verdächtige in Untersuchungshaft. Das entspricht in etwa einem Prozent der 900 geschätzten Bandidos-Motorrad-Rocker in Berlin und Brandenburg. Das heißt im Umkehrschluss: Gegen 99 Prozent der Bandidos-Mitglieder scheint die Polizei derzeit nichts Substanzielles in der Hand zu haben, zumindest nichts, was auf Grund der aktuellen Razzia kriminalistisch verwertbar gewesen wäre. Nach Angaben der Polizei habe man ein Chemielabor entdeckt, in dem chemische Drogen hergestellt worden seien.

Die Berlin Staatsanwaltschaft teilte ferner mit, unter den Personen, die nun in U-Haft säßen, habe man gegen einen 38-Jährigen Mann Haftbefehl erlassen, da er möglicherweise umfangreicher in den Drogenhandel verstrickt sei. Die Staatsanwaltschaft wirft den anderen betroffenen Bandidos-Mitgliedern vor, in den „bandenmäßigen Rauschgifthandel in großem Stil“ verwickelt zu sein. Was das genau bedeutet, teilte die Polizei bislang noch nicht mit.

In der von der Berliner Polizei vor zwei Tagen durchgeführten Razzia gegen die Bandidos waren gigantische 1.100 Beamte sowie die GSG9-Spzialeinheit involviert. Dabei seien rund 80 Wohnungen, aber auch Arbeitsplätze und Bandidos-Vereinsheime, unter anderem in Brandenburg, im Örtchen Hennigsdorf, durchsucht worden.

Allerdings scheint die bisherige Ausbeute der Razzia nicht gerade ein Volltreffer gewesen zu sein und es stellt sich die Frage, ob die Verhältnismäßigkeit wirklich gewahrt worden ist. So habe man zwar auch Schusswaffen beschlagnahmt (von denen es aber in Berlin legal und illegal mittlerweile einige Tausend geben dürfte) oder Messer. Nur: Gerade Messer befinden sich bekanntlich in jeder Gaststätte, auch in jeder Wohnung.

Für die Bandidos unangenehm werden dürfte es, dass neben dem angeblichen Drogenlabor auch gestohlene Motorräder gefunden wurden. Die restlichen beschlagnahmten Gegenstände wirken dagegen eher etwas kindisch: Baseballschläger (noch sind sie ja legal) und Autos.

Bereits vor einer Woche wurde eine Berliner Fraktion der Hells Angels verboten. Die Berliner Polizei geht von rund 500 Bandidos-Mitgliedern in Berlin aus, in Brandenburg seien es rund 400.

Kommentar:
Wenn ein Staat mit rund 3000 Polizisten gegen hunderte Motorrad-Club-Mitglieder in Deutschland vorgeht, ist trotz allem die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Verbotsrufe sind genauso albern und stehen einer Demokratie nicht gut zu Gesichte, wie Behauptungen von großartigen Erfolgen der Razzien, wenn man, wie bislang, nicht gerade umfangreiche Kriminalität der Öffentlichkeit präsentieren konnte, in die entweder nachweisbar die Hells Angels oder die Bandidos verwickelt sein sollen.

Das was Polizei und Staatsanwaltschaften bislang vorgelegt haben, ist recht dünn. Gerade Drogenlabore dürfte es in einer Stadt wie Berlin mittlerweile leider auch zahlreiche geben – und die sind sicherlich nicht nur bei den Bandidos oder den Hells Angels zu finden. Besonders aus Tschechien werden umfangreich Drogen nach Ost-Deutschland geschmuggelt. Die Jenaer Polizei kann davon ein Lied singen.

Deshalb ist die derzeitige Strategie der Politik gefährlich: Man versucht, einen Sündenbock zu finden. Doch: Den Behauptungen von umfangreicher Kriminalität, der man auf der Spur sei, müssen nun auch überzeugende Belege beigefügt werden. In Deutschland sitzen Tausende Menschen in Haft. Die meisten darunter dürften in einige schlimmere Kriminalitätsfälle verstrickt sein, als in jene, die bislang die Berliner Polizei und Staatsanwaltschaft gegenüber den Bandidos geltend machen. Das gilt auch für die Staatsanwaltschaften in Hannover oder in Kiel, die ebenfalls vor zwei Wochen umfangreiche Razzien gegen die Hells Angels durchgeführt hatten.

Dass die Polizei oder Staatsanwaltschaft bislang nicht gerade mit Ermittlungsergebnissen brilliert heißt aber nicht, dass die Hells Angels oder Bandidos Grund zum Feiern hätten: Sie müssen endlich ihr albernes Gerede von „outlaws“, Gesetzeslosen, beenden und der Gesellschaft klar machen, dass sie eben nicht sich als in einem rechtsfreien Raum agierend sehen, sondern dass eine sehr große Mehrheit sich selbstverständlich an Recht und Gesetz hält. Einen Schritt in die richtige Richtung macht die Rockerunion mit ihrem Aufruf gegen übertriebene Polizeirazzien und Verdächtigungen gegen Motorrad-Rocker, darin distanziert sie sich auch offiziell von Kriminalität.

Außerdem müssen sich sowohl die Hells Angels als auch die Bandidos sehr deutlich von Mitgliedern trennen, die in kriminelle Machenschaften verwickelt sind. Wenn es zu solchen Mitglieds-Ausschlüssen kommt, müssten die Bandidos und Hells Angels das auch der lokalen Presse mitteilen. Die Rocker haben bislang keine gemeinsame Verteidigungs-Strategie. Das ist ihr Problem.

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