Skip to main content
Montag, 10. August 2020

Bandidos Razzia: 1 Prozent der 900 Berliner Mitglieder sitzt jetzt in U-Haft

Nach der Razzia der Berliner Polizei gegen die Motorrad-Rockergruppe Bandidos sitzen neun Verdächtige in Untersuchungshaft. Das entspricht in etwa einem Prozent der 900 geschätzten Bandidos-Motorrad-Rocker in Berlin und Brandenburg. Das heißt im Umkehrschluss: Gegen 99 Prozent der Bandidos-Mitglieder scheint die Polizei derzeit nichts Substanzielles in der Hand zu haben, zumindest nichts, was auf Grund der aktuellen Razzia kriminalistisch verwertbar gewesen wäre. Nach Angaben der Polizei habe man ein Chemielabor entdeckt, in dem chemische Drogen hergestellt worden seien.

Die Berlin Staatsanwaltschaft teilte ferner mit, unter den Personen, die nun in U-Haft säßen, habe man gegen einen 38-Jährigen Mann Haftbefehl erlassen, da er möglicherweise umfangreicher in den Drogenhandel verstrickt sei. Die Staatsanwaltschaft wirft den anderen betroffenen Bandidos-Mitgliedern vor, in den „bandenmäßigen Rauschgifthandel in großem Stil“ verwickelt zu sein. Was das genau bedeutet, teilte die Polizei bislang noch nicht mit.

In der von der Berliner Polizei vor zwei Tagen durchgeführten Razzia gegen die Bandidos waren gigantische 1.100 Beamte sowie die GSG9-Spzialeinheit involviert. Dabei seien rund 80 Wohnungen, aber auch Arbeitsplätze und Bandidos-Vereinsheime, unter anderem in Brandenburg, im Örtchen Hennigsdorf, durchsucht worden.

Allerdings scheint die bisherige Ausbeute der Razzia nicht gerade ein Volltreffer gewesen zu sein und es stellt sich die Frage, ob die Verhältnismäßigkeit wirklich gewahrt worden ist. So habe man zwar auch Schusswaffen beschlagnahmt (von denen es aber in Berlin legal und illegal mittlerweile einige Tausend geben dürfte) oder Messer. Nur: Gerade Messer befinden sich bekanntlich in jeder Gaststätte, auch in jeder Wohnung.

Für die Bandidos unangenehm werden dürfte es, dass neben dem angeblichen Drogenlabor auch gestohlene Motorräder gefunden wurden. Die restlichen beschlagnahmten Gegenstände wirken dagegen eher etwas kindisch: Baseballschläger (noch sind sie ja legal) und Autos.

Bereits vor einer Woche wurde eine Berliner Fraktion der Hells Angels verboten. Die Berliner Polizei geht von rund 500 Bandidos-Mitgliedern in Berlin aus, in Brandenburg seien es rund 400.

Kommentar:
Wenn ein Staat mit rund 3000 Polizisten gegen hunderte Motorrad-Club-Mitglieder in Deutschland vorgeht, ist trotz allem die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Verbotsrufe sind genauso albern und stehen einer Demokratie nicht gut zu Gesichte, wie Behauptungen von großartigen Erfolgen der Razzien, wenn man, wie bislang, nicht gerade umfangreiche Kriminalität der Öffentlichkeit präsentieren konnte, in die entweder nachweisbar die Hells Angels oder die Bandidos verwickelt sein sollen.

Das was Polizei und Staatsanwaltschaften bislang vorgelegt haben, ist recht dünn. Gerade Drogenlabore dürfte es in einer Stadt wie Berlin mittlerweile leider auch zahlreiche geben – und die sind sicherlich nicht nur bei den Bandidos oder den Hells Angels zu finden. Besonders aus Tschechien werden umfangreich Drogen nach Ost-Deutschland geschmuggelt. Die Jenaer Polizei kann davon ein Lied singen.

Deshalb ist die derzeitige Strategie der Politik gefährlich: Man versucht, einen Sündenbock zu finden. Doch: Den Behauptungen von umfangreicher Kriminalität, der man auf der Spur sei, müssen nun auch überzeugende Belege beigefügt werden. In Deutschland sitzen Tausende Menschen in Haft. Die meisten darunter dürften in einige schlimmere Kriminalitätsfälle verstrickt sein, als in jene, die bislang die Berliner Polizei und Staatsanwaltschaft gegenüber den Bandidos geltend machen. Das gilt auch für die Staatsanwaltschaften in Hannover oder in Kiel, die ebenfalls vor zwei Wochen umfangreiche Razzien gegen die Hells Angels durchgeführt hatten.

Dass die Polizei oder Staatsanwaltschaft bislang nicht gerade mit Ermittlungsergebnissen brilliert heißt aber nicht, dass die Hells Angels oder Bandidos Grund zum Feiern hätten: Sie müssen endlich ihr albernes Gerede von „outlaws“, Gesetzeslosen, beenden und der Gesellschaft klar machen, dass sie eben nicht sich als in einem rechtsfreien Raum agierend sehen, sondern dass eine sehr große Mehrheit sich selbstverständlich an Recht und Gesetz hält. Einen Schritt in die richtige Richtung macht die Rockerunion mit ihrem Aufruf gegen übertriebene Polizeirazzien und Verdächtigungen gegen Motorrad-Rocker, darin distanziert sie sich auch offiziell von Kriminalität.

Außerdem müssen sich sowohl die Hells Angels als auch die Bandidos sehr deutlich von Mitgliedern trennen, die in kriminelle Machenschaften verwickelt sind. Wenn es zu solchen Mitglieds-Ausschlüssen kommt, müssten die Bandidos und Hells Angels das auch der lokalen Presse mitteilen. Die Rocker haben bislang keine gemeinsame Verteidigungs-Strategie. Das ist ihr Problem.

Auch diese Artikel könnte Sie interessieren:

Hells Angels: Peinliche Ergebnisse von Polizei und Staatsanwaltschaft

Polizeirazzien Hells Angels, Bandidos: ‚Frauen und Kinder mit Füßen zu Boden gedrückt, Wohnungen Erdboden gleich gemacht‘

2.000 Hells Angels treffen sich in Graz in Österreich zum World Run

Hells Angels: Rockerunion wehrt sich gegen überzogene Polizeieinsätze und Polizeischikane

Folterkammer Hells Angels Nicht entdeckt – Medienfalschmeldung

Hells Angels Chef Frank Hanebuth ist stinksauer nach Razzia mit 1200 Polizisten

Hells Angels: Suche nach Leiche des Türken in Lagerhalle in Kiel ruht



Keine Kommentare vorhanden


Du hast eine Frage oder eine Meinung zum Artikel? Teile sie mit uns!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*
*


Das könnte Sie interessieren

Samstag, 01. August 2020

Anti-Korruptions Demonstrationen

Amnesty International fordert Palästinensische Aktivisten müssen von Behörden in Ramallah freigelassen werden.

Am 19. Juli 2020 nahmen die im Westjordanland stationierten palästinensischen Streitkräfte in der Stadt Ramallah 19 Aktivisten fest, die friedlich gegen die Korruption im Land protestierten. Dies teilte nun Amnesty International Deutschland mit und schreibt: „Während drei von ihnen wieder freigelassen wurden, wurden 16 angeklagt, zehn von ihnen befinden sich weiterhin in Haft“. Alle zehn Palästinenser sind aus Protest gegen […]

Montag, 30. März 2020

Vom Wahnsinn & Co

Gewinner Coronakrise: Ganz klar China, der Westen durchgeht Katharsis

Kommentar – Die Corona-Krise im Westen wird wahrscheinlich Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz kosten und Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende Unternehmen, darunter viele Einzelunternehmen, Mittelständler oder Konzerne in den Konkurs treiben. Doch es gibt auch Gewinner der Krise: Käufer billiger Aktien und billiger Bitcoins beispielsweise oder Besitzer von Immobilien, welche die Nerven behalten. Ein großer Gewinner dürfte ebenso China sein, möglicherweise zudem […]

Samstag, 14. März 2020

Argentinien nimmt deutsche Urlauber in Zwangs Quarantäne wegen Corona Virus | Einreiseverbot für Deutsche in Bolivien

So hatte sich ein Berliner seinen 14-tätigen Urlaub in Argentinien nicht vorgestellt: Als er vor zwei Tagen von Argentinien nach Deutschland zurückfliegen wollte, hatte er erfahren, dass seine Airline kurzfristig den Flug gestrichen hatte. Doch nicht nur das. In einer Mail an Freunde schreibt er am Freitag den 13. März: So sei sein Rückflug von Argentinien nach Deutschland kurzfristig gestrichen […]

Samstag, 28. Dezember 2019

Italien, Mailand:

Organisierte Rip Deal Kriminalität stiehlt österreichischem Makler 23.000 Euro

Ein österreichischer Immobilienmakler einer bekannten internationalen Maklerkette wurde im Frühjahr 2019 Opfer eines Immobilien Rip Deals. Das schrieb er uns nun, sichtlich immer noch unter Schock. Im Rahmen des Finanzbetrugs wurde er in einem Kaffee in Mailand von den Gangstern um 23.000 Euro in bar betrogen. Der Rip Deal wurde im Rahmen der Organisierten Kriminalität mal wieder über die Niederlande […]

Samstag, 28. Dezember 2019

Gegen US-Strafverfolgung

Brief an Journalist Julian Assange von NoWar2019

Die vierte Jahreskonferenz der NGO-Organisation «World BEYOND War» (worldbeyondwar.org), hat bereits am 4. und 5. Oktober 2019 in Limerick, Irland, einen Brief verfasst, welcher die US-Strafverfolgung des Journalisten und Verlegers Julian Assange massiv kritisiert. Wir haben diesen Brief aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und geben ihn euch hier zur Kenntnis: „Wir sind Ihnen dankbar für die Arbeit, die Sie […]

Freitag, 11. Oktober 2019

Menschenrechte

Kasachstan lässt Serikzhan Bilasham frei: Er darf China aber nicht mehr kritisieren

Egal ob in entlegensten Ortschaften in Afrika oder eben im russischen Nachbarland Kasachstan: China ist überall und macht überall Geschäfte. Das hat nun auch Serikzhan Bilasham zu spüren gekommen. Er war verhaftet worden, da er öffentlich zu laut in Kasachstan die mangelnden Menschenrechte in China anprangerte. Fünf lange Monate hielt man den Menschenrechtler per «Hausarrest» in einem anonymen Haus im […]

Translate »