Syrien – Lage gefährlich gerade für Journalisten

Bild: Reporter ohne Grenzen

Die Lage der Menschen in Syrien verschlechtert sich zunehmend. Bilder und Informationen erreichen uns zwar. Doch laut der Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen (ROG), werde es für Journalisten immer schwieriger aus dem Bürgerkriegsland zu berichten. Das Regime und verschiedene militante Rebellengruppen bedrohten, entführten und ermordeten gezielt syrische und ausländische Medienschaffende. Auf der ROG-Rangliste der Pressefreiheit steht Syrien inzwischen auf Platz 176 von 179 Ländern – noch schlimmer ist die Lage lediglich in Turkmenistan, Nordkorea und Eritrea.

Laut ROG griff die Armee Anfang November innerhalb von 48 Stunden die Redaktionsräume zweier Medien an. Viele Menschen seien dabei verletzt und das Gebäude teilweise zerstört worden. Die Al-Qaida-nahe Gruppe Islamischer Staat im Irak und der Levante habe am 4. Dezember den freiberuflichen irakischen Kameramann Yasser Faysal Al-Joumaili ermordet. Zuvor bereits hatten am 16. November Bewaffnete in Aleppo im Stadtviertel Zebdiya den Bürgerjournalisten Ahmed Bremo entführt. Bis heute ist nicht bekannt, ob er noch am Leben ist. Über 120 Journalisten kamen seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs im März 2011 ums Leben. Das Ziel dieser Gewalttaten ist eindeutig: Die Verbreitung von unabhängigen Informationen über die Situation im Land soll verhindert werden.

Gut zweieinhalb Jahre nach Beginn des Aufstands in Syrien sind in Teilen des Landes militante Islamisten zur größten Gefahr für Journalisten geworden. In den Gebieten um die nordsyrischen Städte Aleppo, Idlib und Al-Raqqa ist die Al-Qaida-nahe Gruppe Islamischer Staat im Irak und der Levante (ISIS) für die größte Zahl von Entführungen und anderen Übergriffen in den vergangenen Monaten verantwortlich.

Reporter ohne Grenzen (ROG) veröffentlichte dazu den Bericht „Journalismus in Syrien – ein Ding der Unmöglichkeit?“ über die Bedrohungen für Journalisten und Medien in dem Bürgerkriegsland. Der Bericht zeigt, wie systematische Entführungen und ständig wechselnde Frontverläufe die journalistische Arbeit dort inzwischen schwieriger machen als in Afghanistan oder Libyen auf dem Höhepunkt der Gewalt. Insgesamt sind in Syrien seit Beginn des Aufstands gegen Präsident Baschar al-Assad mindestens 110 Medienschaffende wegen ihrer Arbeit getötet worden, davon 81 Prozent von der Armee des Regimes. Mindestens 67 Journalisten sich in der Gewalt einer der Konfliktparteien oder werden vermisst.

„Besonders die immer häufigeren Entführungen machen die journalistische Arbeit in vielen Teilen Syriens inzwischen zu einem unkalkulierbaren Risiko“, sagte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. „Ohne die Arbeit von Journalisten vor Ort droht das Leid der Menschen in dem Bürgerkriegsland in Vergessenheit zu geraten. Alle Konfliktparteien sollten endlich akzeptieren, dass die Syrer wie auch die Weltöffentlichkeit ein Recht auf unabhängige Informationen haben.“

Der ROG-Bericht zeichnet nach, wie sich die Gewalt gegen Journalisten im Laufe des Bürgerkriegs gewandelt hat. Bis Mitte 2012 ging der Großteil der Einschüchterungen und Festnahmen auf das Konto der Regierung und regimetreuer Milizen. Indem sie Bürgerjournalisten festnahmen oder bedrohten, wollten sie Berichte über die Proteste gegen Assad und das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte verhindern. Bis heute foltern und misshandeln sie systematisch Journalisten. Ab der zweiten Jahreshälfte 2012 ging die Zahl der Festnahmen zurück; stattdessen griff das Regime verstärkt zu gezielten Tötungen.

Auch die Arbeit internationaler Berichterstatter behindere laut ROG die syrische Regierung vorsätzlich. So kündigte das Informationsministerium im Frühjahr 2012 an, hart gegen illegal eingereiste Journalisten vorzugehen. Zugleich vergibt die Regierung Visa nach politischem Gutdünken und häufig nur nach langen Wartezeiten, weshalb vielen Journalisten lediglich die illegale Einreise bleibt.

Seit dem Sommer 2012 gehen auch bewaffnete Oppositionsgruppen immer häufiger gewaltsam gegen staatliche und regimenahe Medien vor. Auch wenn das genaue Ausmaß dieser Gewalt aufgrund der unsicheren Informationslage unklar ist, dürften bis heute rund 20 Journalisten entführt oder getötet worden sein, die für regimefreundliche Medien arbeiteten. Seit Ende 2012 drangsalieren und verfolgen militante Islamisten Journalisten auch in den Gebieten Nordsyriens, die von Rebellengruppen kontrolliert werden. In den Kurdengebieten im Nordosten behindern nicht zuletzt die Sicherheitskräfte der dort dominanten Partei der Demokratischen Union (PYD) eine unabhängige Berichterstattung.

Besonders unberechenbar ist die Gewalt, die von Al-Qaida-nahen Islamisten wie der Al-Nusra-Front und in jüngster Zeit vor allem ISIS ausgeht. Letztere ist in den von ihr kontrollierten Gebieten um Aleppo, Idlib und Al-Raqqa für die meisten Übergriffe gegen Journalisten seit dem vergangenen Frühjahr verantwortlich. Völlig unklar ist, welche Ziele sie mit ihren zahlreichen Entführungen verfolgt.

Die meisten Opfer fordert der syrische Bürgerkrieg unter den einheimischen Medienschaffenden: Mindestens 102 von ihnen sind seit Beginn der Anti-Assad-Proteste im Frühjahr 2011 wegen ihrer journalistischen Arbeit getötet worden, darunter 85 Bürgerjournalisten. Mehr als 200 syrische Medienschaffende wurden von den Sicherheitskräften der Regierung verhaftet, mindestens 58 von anderen bewaffneten Gruppen festgenommen oder entführt. Derzeit werden mindestens 50 syrische Journalisten oder Bürgerjournalisten von der einen oder der anderen Seite festgehalten oder gelten als vermisst.

Daneben sind bis heute mindestens sieben ausländische Journalisten in Syrien getötet worden. Mehr als 30 wurden von Regimekräften festgenommen, mindestens 37 von anderen Konfliktparteien entführt oder sind verschwunden. Derzeit sind nach Kenntnis von ROG noch mindestens 17 von ihnen in Haft, entführt oder vermisst. Seit den ersten derartigen Fällen im Juli 2012 haben sich die Entführungen in jüngster Zeit so stark gehäuft und professionalisiert, dass mittlerweile kaum noch ausländische Journalisten nach Syrien reisen. Im vergangenen September riefen Online-Foren militanter Islamisten offen dazu auf, alle Journalisten und insbesondere Ausländer als vermeintliche westliche Spione gefangen zu nehmen.

Als Reaktion auf die Behinderungen der unabhängigen Berichterstattung und die Propaganda staatlicher Medien haben viele Syrer begonnen, als Bürgerjournalisten und Informationsaktivisten selbst über die Ereignisse im Land zu berichten. Viele neu gegründete Medien verstehen sich allerdings als Teil der Anti-Assad-Bewegung und berichten weitgehend unkritisch über Opposition und Rebellen. Journalisten, die sich um einen unabhängigen Standpunkt bemühen, stoßen in dem aufgeheizten politischen Klima des Bürgerkriegs vielerorts auf Unverständnis.

 

ROG-Bericht „Journalismus in Syrien – ein Ding der Unmöglichkeit?“

 

 

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