Renate Lasker-Harpprecht: „Auschwitz erlaubt keine Rührung“ / Holocaust-Überlebende

In einem bewegenden Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT nimm Renate Lasker-Harpprecht, 90, eine der letzten Überlebenden des deutschen Massenvernichtungslagers in Polen, Auschwitz, Stellung. Man spricht auch von einer der letzten Holocaustüberlebenden. Auschwitz ist auch als Konzentrationslager (KZ) bekannt. Das Interview übertitelte DIE ZEIT mit den Schlagzeilen „Fragt mich jetzt!“ sowie „Auschwitz erlaubt keine Rührung!“. Das Interview führte Caroline von Bar.

Renate Lasker-Harpprecht erzählt in dem mehrseitigen Interview mit der deutschen Wochenzeitung in der Ausgabe vom 30. April 2014 (Seite 1 und Seiten 11 ff), wie sie nach Auschwitz kam und dort unter schlimmen Umständen gemeinsam mit ihrer Schwester Anita überlebt habe. Dass sie überleben konnte, schreibt die deutsche Jüdin vor allem auch ihrer Schwester zu, welche Cello im Konzentrationslager Auschwitz gespielt habe und eine der wenigen guten Musikerinnen gewesen sei.

Als besonders schlimm bezeichnet Renate Lasker-Harpprecht in dem umfangreichen Interview mit DIE ZEIT, dass ihre Familie, besonders ihr Vater, sich bis zur Machtergreifung Adolf Hitlers „mit Deutschland identifiziert“ habe, dass das Land ein Zuhause gewesen, das Zuhause der Familie. Zunächst habe man gedacht, dass man „diesen Wahnsinnigen sehr bald zeigen“ werde, dass es so nicht gehe.

Deshalb habe sich ihr jüdisch-stämmiger aber deutscher wohlhabender Vater auch zunächst nicht um eine Emigration aus Deutschland gekümmert. Er habe sich sogar noch mit dem Schiff nach Israel in den 1930er Jahre bringen lassen – das Land hieß damals noch Palästina. Allerdings sei er wieder zurückgekommen, da es ihm dort nicht gefallen habe.

Am erschreckendsten im Interview ist die Bereitschaft vieler sich von den Nazis einfach umbringen zu lassen und sich auch noch freiwillig zum Abtransport in die Vernichtungslager zu melden.

Auf die Frage der DIE ZEIT; „Am 9. April 1942 wurden Ihre Eltern deportiert. Wussten Sie vorher, dass sie jetzt abgeholt werden?“, antwortet Lasker-Harpprecht: „Nein, die wurden nicht abgeholt, und es trommelte keiner an der Tür. Meine Eltern hatten eine Mitteilung bekommen: ‚Am nächsten Morgen um soundso viel Uhr kommen sie zum Sammellager…‘ Und man ging halt dahin. Man hat gehorcht. Eigentlich hätten viel mehr Leute abhauen sollen.“

Daraufhin DIE ZEIT: „Man ist selbst zur Schlachtbank gegangen?“, worauf Lasker Harpprecht antwortet: „Ja, man ist zur Schlachtbank gegangen. Am Abend vorher haben meine Eltern gepackt, man durfte 20 Pfund Kleidung mitnehmen oder so. Und da haben wir uns verabschiedet. Mein Vater hat meiner Schwester noch eine Art Testament diktiert… Meine Mutter saß im Nebenraum und weinte…. Sie wusste, dass sie ihre Kinder nicht wiedersehen würde.“

So sei es dann auch gekommen – ihre Eltern seien im Konzentrationslager umgekommen, umgebracht worden. Doch auch sie selbst sei gemeinsam mit ihrer Schwester schließlich im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz gelandet. Sie selbst habe die KZ-Nummer 70195 gehabt. Heute sei diese Nummer zwar verblichen, aber bei ihrer Schwester Anita könne man die 69388 noch genau lesen.

Zum Personal in Auschwitz oder Belsen scheint sie eine differenzierte Einstellung zu haben. Während sie große Teile des Aufsichts- und Vernichtungspersonal verabscheut, habe es aber auch Ausnahmen gegeben. Damit stellt sie sich offensichtlich gegen die heutige deutsche Justiz zum Beispiel in Stuttgart oder München. Denn weite Teile der heutigen deutschen Justiz legen das Recht etwas fragwürdig aus und verurteilen pauschal ohne individuellen Schuld-Nachweis sämtliches Personal, welches in Konzentrationslagern gearbeitet hat, als schuldig – selbst solches, welches Insassen möglicherwiese auch geholfen hat, zu überleben. Auch sie selbst, sagt Renate Lasker-Harpprecht heute, sei an solches Personal geraten.

Deshalb habe sie beispielsweise einem Aufsichts-Mitarbeiter des Konzentrationslagers Belsen, in welches sie nach Auschwitz verbracht worden sei, nach dem Krieg „einen Persilschein“ gegenüber den Briten gegeben. Zu dem Persilschein sagt Renate Lasker-Harpprecht: „Jedenfalls hat er mich nach dem Krieg um einen Persilschein gebeten. Und den habe ich ihm auch mit größtem Vergnügen ausgestellt.“

Nachdem die Briten das Konzentrationslager Belsen befreit hätten, seien die britischen Besatzer in die Dörfer in der Nachbarschaft gegangen und hätten die Deutschen gezwungen in das Konzentrationslager mitzukommen. Dort habe man den ehemaligen Gefangenen gesagt, sie könnten mit den Mitarbeitern des Konzentrationslagers Belsen „alles machen“, worauf sie Lust hätten. Doch, so Lasker-Harpprecht, habe sie daran keinen Gedanken verschwendet.

In den deutschen Konzentrationslagern, den Vernichtungslagern, sind insgesamt nach Schätzungen rund sechs Millionen Juden umgebracht worden, aber auch Tausende politisch Andersdenkende, Linke, homosexuelle Männer und Frauen sowie Behinderte.

Bis heute, sagt Lasker-Harpprecht, habe sie auf Grund des großen Vitaminmangels, unter welchem die Insassen der KZs litten, Narben am Körper, Löcher, welche später einigermaßen verheilt seien. Doch noch heute könne man das am Körper sehen.

Schlimm seien aber auch die Grabenkämpfe ums Überleben zwischen den Insassinnen und Insassen in Auschwitz selber gewesen. Hier sagt Renate Lasker-Harpprecht, wonach nicht die polnischen Insassinnen „die schlimmsten“ gewesen wären, sondern die Russinnen: „Die Russinnen haben uns einfach auf den Kopf gehauen und uns das Brot aus den Händen gerissen. Solche Sachen vergisst man nicht. Die will ich auch nicht vergessen“, sagt sie.

Rückblickend, führt sie weiter aus, sei auch ihr Transport von Auschwitz nach Belsen der reinste Horror gewesen: „… Wer auf dem Weg hingefallen ist und nicht mehr aufstehen konnte, den haben sie einfach abgeknallt.“ Während in Auschwitz die Menschen vergast worden sind, starben sie in Belsen an Krankheit und Entkräftung – mitten in der damals gar nicht so „romantischen Lüneburger Heide“. Deshalb, so Renate Lasker-Harpprecht, könne sie das Gerede von der angeblich so romantischen Lüneburger Heide bis heute nicht hören.

Als das KZ Belsen von den Briten befreit worden ist, habe man überall nur Leichen gerochen, sagt Lasker-Harpprecht: „Belsen hat derart gestunken nach verwesten Leichen, das haben wir überhaupt nicht mehr gerochen. Wir hatten die Leichen selbst in diese Gruben schleppen müssen. Man hatte uns sehr dicke Schnüre gegeben, mit denen wir die Handgelenke der Toten zusammenbinden sollten. Und dann haben wir die Leichen an diesen Schnüren quer durch das Lager gezogen. Aber wir konnten nicht mehr. Wir haben nur 50 Leichen am Tag geschafft. Am Schluss wurden die Toten mit Bulldozern zusammengeschoben. Es musste ja ordentlich sein.“

Die Aussage von zahlreichen Deutschen, die in der Nähe der Konzentrationslager lebten, sie hätten von nichts gewusst, glaubt Lasker-Harpprecht bis heute nicht: „Natürlich haben die das gewusst! Aber die Leute hatten Angst was zu sagen. Das ist die Misere in allen Diktaturen. Die durften von einem bestimmten Punkt an keinen Fuß mehr auf die Lüneburger Heide setzen. Von wegen Heide-Romantik. Ich hasse die Lüneburger Heide und will sie bis heute niemals wieder sehen.

Doch auch das ist ein berührender Moment im Interview DER ZEIT mit Lasker-Harpprecht, als sie erzählt, wie sehr man sich als Gefangener in KZs schließlich vor sich selber geekelt habe: „Das ist auch das, was ich nie vergessen werde: dieser Ekel vor sich selbst und die entsetzliche humiliation.. wie sagt man? Erniedrigung…. und die Erniedrigung, die man uns angetan hat. Das habe ich nie vergessen und das will ich auch nicht vergessen.“

Doch bis heute, sagte die ehemalige Insassin von Auschwitz und Belsen, wolle sie sich nicht im Leid ergießen, sondern den klaren Blick auf das, was in den deutschen KZs und Vernichtungslagern passiert war, behalten. Besonders wenig könne sie es ertragen, wenn die älteren KZ-Überlebenden von Emotionen überwältigt sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen:

„Aber ich finde, wenn Menschen, die das überlebt und ein reifes Alter erreicht haben, wenn die in der Mitte einer ehemaligen Auschwitz-Baracke stehen und sich die Haare raufen: Ich kann es nicht ertragen. Auf Französisch sagt man pudeur. Schamgefühl… Da muss man das Maul halten. Entweder man macht es, oder man bleibt draußen.“ Mit machen meint sie, dass man den Jüngeren von heute das erzählt und zeigt, was Schreckliches und teuflisches in Lagern wie Auschwitz geschehen ist.

Kommentar Holocaust an Juden und Konzentrationslager wie Auschwitz

Schlimm: Selbst uns, die überwiegend ehrenamtlich für das Antikriegsportal kriegsberichterstattung.com arbeiten, darunter studierten Politologen, war nicht bekannt oder bewusst, dass auch in der Lüneburger Heide ein KZ stand. Klar kennen wir den Begriff Belsen. Aber mehr nicht. Das Vergessen oder die mangelnde Bildung an den Schulen und Universitäten ist das schlimmste Übel.

Deshalb stehen wir auch den Plänen der deutschen Bundesregierung ablehnend gegenüber, welche einfach mal so über Nacht deutsche Soldaten in die Ukraine schickt. Wir ekeln uns auch davor, wenn wir auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 4. Mai 2014 kriegstreiberisch lesen müssen (Autor: Thomas Gutschker): „Rasmussen: Nato muss sich rüsten“ und wie man versucht, Kriege damit in der FAS zu umschreiben, wonach man angeblich „Zustimmung für mehr Präsenz in Osteuropa“ ausmache.

Ganz so, als wären Kriege eine Frage von Präsenz. Mit dem Gerede von Präsenz fingen die Nazis auch an. Auch ekeln wir uns vor Aussagen des Nato-Generalsekretärs Anders Fogh Rasmussen, welche von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) kommentarlos publiziert werden, wonach „Die Annexion der Krim ein Wendepunkt“ sei.

Nein, liebe FAS: Der Wendepunkt fing mit der Politik der USA nach 9/11 an, mit dem Irakkrieg, dem Afghanistankrieg, den Massenmorden durch Drohnen, dem NATO-Massenmord an 50.000 Bürgern in Libyen, welche die NATO in ihrem Krieg der angeblich „flugfreien Zone“ zu verantworten hat. Der Wendepunkt fing mit der bis heute nicht gesühnten Massenfolter in US-Gefängnissen wie Guantanamo oder in Abu Ghraib an. Die Wende im Umgang mit Krieg und Annexion – sie wurde und wird vom Westen herbeigeführt, nicht primär von Russland.

3 Replies to “Renate Lasker-Harpprecht: „Auschwitz erlaubt keine Rührung“ / Holocaust-Überlebende”

  1. Wenn euer Blatt wirklich gegen Krieg und Kriegspropaganda ist würde ich mal ein bisschen Holocaustforschung ans Herz legen weil solche Artikel helfen überhaupt nicht gegen zukünftige Kriege sondern fördern sie. Ein bisschen Vorstellungsvermögen und technisches Denkvermögen reicht eigentlich schon.
    PS Wir haben jetzt das 5. Hightech U-Boot der Dolphin-Klasse an Israel geliefert welches wir über mehrere Wege mit unserer Arbeit finanzieren.

  2. @ O. Strelow: Vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir müssen uns korrigieren: Wir konnten mit dem Begriff „Belsen“ so nichts anfangen, aber mit Bergen Belsen schon. Allerdings räumen wir selbstkritisch ein, dass wir die genau geografische Lage dieses KZs leider in der Tat nicht verorten konnten. Das tut uns sehr leid, entspricht aber leider der Tatsache. Wir geloben hier Besserung. Nehmen Sie diesen umfangreichen Artikel bitte als Beleg hierfür. Gleichzeitig möchten wir Ihnen gerne anbieten uns an redaktion@kriegsberichterstattung.com gerne einen Gastbeitrag zu dem Thema, gerne auch über einen Besuch mit einer Schulklasse in Bergen Belsen, zu senden. Wir freuen uns diesen zu veröffentlichen.

  3. Also, mit Verlaub, aber wenn „studierte Politologen“, oder andere ernsthaft interessierte Personen nicht wissen, dass es ein KZ Bergen Belsen gab, dann ist da eindeutig irgendwas falsch gelaufen. Es ist ja nun wirklich nicht so, als ob die Existenz des KZ Bergen Belsen zensiert würde. ich selbst war mit meiner Schulklasse in den 80er Jahren dort. Vielleicht hilft eine kleine Recherche, die jedes Kind heutzutage durchführen kann: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Konzentrationslager_des_Deutschen_Reichs

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